Lesezeit 19 Min
Philosophie

»Sprache stiftet Realität«

Der Wiener Philosoph und Literaturwissenschaftler Armen Avanessian zählt zu den Stars der Theorie-Szene. Er ist »spekulativer Realist«: Er versucht die Gegenwart aus der Zukunft heraus zu deuten.

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von
Rebekka Reinhard
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Philosophie

Weidling bei Wien, im Hochsommer. Bei gefühlten 42 Grad Celsius erreichen wir das verschnörkelte schmiedeeiserne Eingangstor des Anwesens der Familie Avanessian. Armen Avanessian, Jahrgang 1973, Schöpfer von ebenso eigentümlichen wie vielversprechenden Begriffen wie »Akzelero-Feminismus«, empfängt die Gäste auf der malerischen Terrasse im Garten unter einem Sonnenschirm. Hier scheint die Zeit stehen geblieben zu sein – nichts erinnert an den »Akzelerationismus«, den der armenisch-österreichische Philosoph und Literaturwissenschaftler in Deutschland berühmt gemacht hat. Nach seinem Studium in Wien und Paris (bei Jacques Rancière) ging Avanessian zunächst nach London, anschließend lehrte er am Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft der FU Berlin; auch war er Fellow an der Columbia und der Yale University. Heute hat er Gastdozenturen an verschiedenen Kunstakademien inne. Als Vertreter des spekulativen Realismus und Botschafter des Akzelerationismus ist er seit 2014 Chefredakteur, Herausgeber und Autor beim legendären Merve-Verlag, der deutschsprachigen publizistischen Heimat von linken Vorzeigedenkern wie Foucault, Deleuze und Žižek. Im Laufe des HOHE LUFT-Interviews, das mehr als drei Stunden dauert, wird der Philosoph zusehends leidenschaftlicher, seine Rede beschleunigt sich immer mehr. Am Ende hat man das Gefühl: Hier hat man es mit jemandem zu tun, der es ernst meint mit seinem künstlerisch-intellektuellen Nonkonformismus, der nicht nur über »derivative Paradigmen« schimpfen und über eine zukünftige »Wahrheit« theoretisieren will, sondern wirklich etwas verändern möchte – innerhalb der Universität und außerhalb.

HOHE LUFT: Herr Avanessian, was ist spekulativer Realismus?

ARMEN AVANESSIAN: Spekulation und Realismus sind ja normalerweise zwei in Spannung befindliche Begriffe. Die Spekulation, die abgehoben und realitätsfern ist, und der Realismus, der bodennah und konkret ist. Spekulativer Realismus ist der Versuch, beides zu verbinden. Dahinter steht zum einen die Idee: Vielleicht können wir unsere Wirklichkeit tatsächlich verstehen, was philosophisch eine provokative These ist. Und zweitens: Wir können sie nur mittels Spekulation verstehen – und zudem unter Einbeziehung naturwissenschaftlicher Ergebnisse. Das unterscheidet den spekulativen Realismus schon einmal vom eher technik- und wissenschaftsfeindlichen Philosophie-Mainstream. Die postmodernen Theorien haben zwar durchaus zu Recht Zweifel und Kritik an der Moderne artikuliert, am Projekt des Universalismus, an der Aufklärung, an den großen strategischen politischen Projekten und deren Konsequenzen. Aber der…

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Nr. 6/2015