Lesezeit 17 Min
Philosophie

Mit Worten Wunder bewirken

Was tun wir, wenn wir miteinander reden – und wenn wir mailen, simsen und chatten? Wir beschreiben die Welt? Von wegen! Wir beschreiben nicht nur – wir verändern die Welt. Unsere gesamte soziale Wirklichkeit ist aus Sprache gebaut, sagen Philosophen. Was verleiht der Sprache diese Schöpferkraft? Betrachten wir genauer, was wir bewirken, wenn wir sprechen.

Dmitry Kalinovsky/shutterstock.com
von
Tobias Hürter
und
Thomas Vašek
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Philosophie

Paris am Nachmittag des 3. August 1914. Der deutsche Botschafter Wilhelm von Schoen überreicht dem französischen Ministerpräsidenten René Viviani ein Schreiben, das folgenden Satz enthält: »Ich bin beauftragt und habe die Ehre, Ew. Exz. zur Kenntnis zu bringen, daß [...] das Deutsche Reich [...] sich als im Kriegszustande mit Frankreich befindlich betrachtet.« Es ist der Satz, mit dem der Erste Weltkrieg zum »Großen Krieg« wurde. Oberflächlich betrachtet, sind diese schicksalsträchtigen Worte des Botschafters Schoen nichts als eine nüchterne Mitteilung: Schoen ist mit etwas beauftragt. Aber natürlich sind die Worte mehr. Schoen berichtet mit diesem Satz nicht nur von seinem Auftrag. Er führt den Auftrag mit diesem Satz auch aus. Und noch viel wichtiger: Dieser Satz ist eine Kriegserklärung. In dem Augenblick, in dem der deutsche Diplomat dem französischen Politiker jenes Schreiben in die Hand drückt, beginnt der Weltkrieg. Es sind Worte, die Millionen Menschen das Leben kosten werden.

Wer möchte da noch sagen, Sprache sei nur Schall und Rauch? Tatsächlich haben Philosophen lange Zeit etwas Ähnliches gesagt: Sie waren überzeugt, dass die Sprache nichts als eine akustische Beschilderung der Welt sei. »Zu lang nahmen Philosophen an«, so begann John Langshaw Austin (1911–1960) seine berühmten, im Jahr 1955 an der Harvard University gehaltenen William-James-Vorlesungen, »die Aufgabe einer ›Aussage‹ könne nur sein, einen Sachverhalt zu ›beschreiben‹, oder ›eine Tatsache auszudrücken‹, wobei sie dies entweder wahr oder falsch tun kann.« Der englische Philosoph zielte darauf, diese Sicht als unzulänglich zu enttarnen, und er musste nicht lange nach Gegenbeispielen suchen.

Nehmen wir einen Priester, der einem Kind Öl und Wasser über den Kopf gießt und sagt: »Ich taufe dich auf den Namen Johanna.« Beschreibt diese Aussage den Sachverhalt »Johanna wird getauft«? Auf den allerersten Blick vielleicht. Doch sehr schnell erkennt man, dass er mit seiner Aussage nicht etwa feststellt, dass Johanna gerade von ihm selbst getauft wird – sondern er tauft sie mit dieser Aussage. Er beschreibt keine Taufe, er vollzieht eine Taufe. Er redet also nicht nur über die Welt, sondern er greift in sie ein. Vorher ungetauft, nachher getauft: Das ist ein gewaltiger Unterschied, zumindest für gläubige Christen.

Es ist ziemlich offensichtlich:...

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Nr. 1/2015