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Philosophie

»Leibniz ist definitiv mehr Pop als Heidegger«

Das sagt eine, die sich auskennt. Mirjam Schaub ist Professorin für Kulturphilosophie und Ästhetik. Wir sprachen mit ihr über Jeremy Bentham und Paris Hilton, über radikales Denken und Popkultur.

Georgios Kollidas / shutterstock.com: Jeremy Bentham
von
Rebekka Reinhard
und
Thomas Vašek
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Philosophie

Mirjam Schaub ist eine Philosophin mit vielen Talenten und Interessen, ein Mensch von geradezu unerschöpflicher Energie. Zu ihren großen Leidenschaften zählen die bildende Kunst und der Film. Mitte der 90er-Jahre belegte sie einen Workshop im Drehbuchschreiben an der University of California und erwog ernsthaft, nach Los Angeles auszuwandern. Statt aber in Hollywood durchzustarten, gab sie noch vor ihrer Promotion an der Freien Universität Berlin ein Hauptseminar über Gilles Deleuze und das Kino, das damals auch unsere Redakteurin Rebekka Reinhard belegte. Heute ist Mirjam Schaub dreifache Mutter und Professorin für Kulturphilosophie und Ästhetik an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg, außerdem ausgebildete Journalistin und Kunstkritikerin. Zum HOHE LUFT-Gespräch trägt sie leuchtend roten Lippenstift, wie um ihren geschliffenen, komplex ineinander verschachtelten Formulierungen ein kräftiges Ausrufezeichen zu verleihen und sie performativ zu bestätigen. Schaub, die auch ein Doktorandenkolleg an der Hamburger HafenCity Universität betreut, ist gekommen, um uns ihr aktuelles Forschungsprojekt »Radikalität und Popkultur« nahezubringen. Sie erklärt, erzählt, denkt nach, lacht gern und viel. Das Gespräch hat eine große Leichtigkeit. Fast nebenbei erfahren wir, was Jeremy Bentham, der Begründer des Utilitarismus, mit Wachsfiguren, venezianischen Masken und Paris Hilton zu tun hat.

HOHE LUFT: Frau Schaub, was ist die Aufgabe einer heutigen Kulturphilosophie?

MIRJAM SCHAUB: Die Aufgabe ist die Hegel’sche geblieben, dass man seine Zeit in Gedanken zu fassen habe. Wenn eine Kultur vergisst, woher sie kommt, weiß sie auch nicht, wohin es sie treibt. Man muss die Gegenwart der Vergangenheit fühlbar machen, mitunter auf drastische Weise. Wenn die Studierenden »Das ist ja krass!« sagen, will ich aus ihnen herauskitzeln, warum es der Ausdruck für Dickes, Starkes, Grobes bis in die deutsche…

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Nr. 2/2016