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Philosophie

Irrte Hannah Arendt?

Mit ihrer These von der »Banalität des Bösen« wurde die Denkerin weltberühmt. Doch ein Buch der Philosophin Bettina Stangneth wirft ein neues Licht auf Arendts Schlüsse.  

By Stamp_Hannah_Arendt-2.jpg: User:Prolineserverderivative work: The Photographer (Stamp_Hannah_Arendt-2.jpg) [Public domain], via Wikimedia Commons
von
Rebekka Reinhard
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Philosophie

Mit »Eichmann vor Jerusalem« publizierte die deutsche Philosophin Bettina Stangneth erstmals 2011 eine 656-seitige Studie, die Hannah Arendts Charakterisierung des ehemaligen SS-Obersturmbannführers endgültig wider legt. Stangneth zeigt auf Basis zahlreicher nie zuvor ausgewerteter Quellen, dass Eichmann alles andere als ein gedankenloser Karrierist war, sondern ein Meister der Lüge und des Rollenspiels, der sich bis zuletzt in fanatischer Weise mit der Nazi-Ideologie identifizierte. Stangneths Werk, das 2014 auf Englisch veröffentlicht wurde (»Eichmann Before Jerusalem«), war auch Anlass für eine hitzige Kontroverse zwischen dem Ideenhistoriker Richard Wolin und der US-Philosophin Seyla Benhabib um die These von der »Banalität des Bösen« in der »Jewish Review of Books«.

In seinem Artikel »The Banality of Evil: The Demise of a Legend« (2014) kritisiert Wolin Hannah Arendt, mit ihrer Rede von Banalität und Dummheit die kriminelle Verantwortung der nationalsozialistischen Täter heruntergespielt zu haben. Richard Wolin wendet sich gegen Arendts (angeblich) vorurteilsbehaftete Auffassung, dass Ideologie für Eichmann keine Rolle gespielt habe. Er beruft sich dabei auf Bettina Stangneth, die Eichmann unter anderem mit den Worten zitiert: »(H)ätten wir von den 10,3 Millionen Juden ... 10,3 Millionen Juden getötet, dann wäre ich befriedigt und würde sagen, gut, wir haben einen Feind vernichtet.«

Dass Arendt Eichmann fälschlicherweise als menschlichen Automaten…

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Nr. 1/2016