Lesezeit 15 Min
Philosophie

Gefangen im System

Härtere Strafen können das Problem der Kriminalität nicht lösen. Warum es an der Zeit ist, unsere Einstellung gegenüber Freiheitsentzug und Gefängnissen zu überdenken.

 

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von
Greta Lührs
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Philosophie

6 Uhr morgens: Weckruf, Frühstück in der Zelle, Aufschließen der Türen. Arbeit von 7 bis 12 Uhr. Eine Stunde Mittagspause, dann Arbeit bis 16 Uhr. Eine Stunde Hofgang. 17 Uhr Abendessen in der Zelle. Danach Freizeit. 21 Uhr Einschluss, 22 Uhr Nachtruhe. Bis 6 Uhr. Dann alles von vorn. Tag für Tag, Woche für Woche. Manchmal jahrelang. Für 60 000 bis 70 000 Menschen ist dieser Alltag in Deutschland Realität. Menschen einzusperren, wenn sie mit dem Gesetz brechen, ist für uns selbstverständlich. Wer Mist baut, landet eben im Knast. Allerdings ist Freiheit in unserer Gesellschaft ein hohes Gut. Ein Grundrecht. Es jemandem wegzunehmen, bedarf einer Erklärung.

Wie ist mit Menschen umzugehen, die mit gesellschaftlichen Normen in Konflikt geraten?

Philosophen befassen sich mit dem gelingenden Leben, mit Werten wie Freiheit und Selbst­bestimmung, Gerechtigkeit und Gemeinschaft­lichkeit. Die Frage, wie mit Menschen umzugehen ist, die aus dem Rahmen fallen und mit unseren gesellschaftlichen Normen in Konflikt geraten, entscheidet sich daher am Brennpunkt unterschiedlichster Wertvorstellungen und gesellschaftlicher Ansprüche.

Gerade dort, wo Freiheit ganz offiziell beschnitten wird, ist Skepsis angebracht. Wann ist es legitim, jemandem durch Staatsgewalt zu schaden? Ist Strafe nur die Wiedergutmachung eines Verbrechens, oder darf Strafe einen Zweck verfolgen? Und wie müsste die Konsequenz aussehen, wenn der Zweck, wie im Falle des Gefängnisses, verfehlt wird?

Obwohl wir die Gefängnisstrafe als eine selbstverständliche Kulturpraxis wahrnehmen, war diese in der Antike und auch im Mittelalter noch unüblich; sie ist eher ein Phänomen der Neuzeit. Früher wurden Todes- und Körperstrafen wie Folter oder Prügel verhängt und die Verurteilten im Normalfall nur bis zur Vollstreckung der Strafe festgehalten.

Die ersten Vorläufer heutiger Gefängnisse entstanden im Europa des 16. Jahrhunderts mit den Zuchthäusern. Sie fungierten zunächst als Sammelstellen für Straftäter, Bettler, Prostituierte, psychisch...

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Nr. 2/2014