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Philosophie

»Die Moderne ist unglaublich anstrengend«

Armin Nassehi ist Professor für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München und ein scharfer Analytiker der Gegenwart. Wir sprachen mit ihm über die AfD, rechtes und linkes Denken und darüber, was uns wirklich veranlasst, Dinge zu tun.

By Romanist~dewiki (Own work) [CC BY-SA 4.0], via Wikimedia Commons
von
Tobias Hürter
und
Thomas Vašek
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Philosophie

Die Konradstraße liegt mitten in Schwabing, jenem Münchner Viertel, das lange Zeit die Heimat der Literaten und Lebenskünstler war. Die Mieten sind enorm, die Jugendstilfassaden gut renoviert. Hinter einer von ihnen hat der Soziologe Armin Nassehi sein Büro: Dort sitzt der Lehrstuhl Soziologie I der Universität München. Dort wird harte empirische Forschung betrieben – wobei Nassehi an die Systemtheorie Niklas Luhmanns anschließt. Aber Nassehi, Herausgeber der Kulturzeitschrift »Kursbuch«, mischt sich auch in aktuelle Debatten ein, in letzter Zeit vor allem zum Umgang mit den Flüchtlingen und zu den neuen rechten Strömungen AfD und Pegida. So ließ Nassehi sich auf einen Briefwechsel mit Götz Kubitschek ein, einem der profiliertesten Vertreter der »neuen Rechten«. Ein zweischneidiges Unternehmen, dessen war Nassehi sich bewusst, denn es wirft die Frage der »Salonfähigkeit« des intellektuellen Rechtsaußens auf. Andererseits öffnete es einen Einblick in die Logik der Rechtsintellektuellen. Ein Gespräch mit Nassehi macht richtig Spaß. Vor allem ist es ein richtiges Gespräch. Nassehi holt sich nicht nur Stichworte von seinem Gegenüber, sondern stellt sich den ganzen Fragen. Dann holt er tief Luft. Und dann kann man einem klugen Kopf mit scharfer Zunge beim Denken zuhören. So lange, bis man ihn unterbricht.

Hohe Luft: Wenn zukünftige Soziologen eines Tages auf das Deutschland unserer Zeit zurückschauen, wie könnten sie es beschreiben?

Armin Nassehi: Sie werden wohl eine Zeit sehen, in der
viele Selbstverständlichkeiten flöten gehen. Will man es nur politisch ausdrücken, zeigt sich das auch darin, dass die beiden großen Volksparteien nicht mehr die Mehrheit haben, nicht einmal gemeinsam. Viele der Probleme, die in anderen Regionen der Welt früher aufgetaucht sind, werden auch in Deutschland sichtbar. Unsere wunderbaren Beschreibungen von Gesellschaften funktionieren so nicht mehr: sie als Nationalstaaten zu beschreiben, als politisch gesteuert, als kulturell homogen. Deshalb erleben wir eine Renationalisierung von Konflikten, eine Reethnisierung von Selbstbeschreibungen und eine Renaissance sehr einfacher Lösungen.

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Nr. 4/2016