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Philosophie

Die Lücke zwischen Theorie und Praxis

Theodor W. Adorno war ein Revoluzzer in Gedanken, doch nicht im Tun. Mit den protestierenden Studenten kam er gar nicht gut zurecht.

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von
Tobias Hürter
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Philosophie

Adorno und die 68er – wer dieses beinahe tragisch endende Kapitel in der Biografie des Denkers verstehen will, der muss weiter zurückblicken, in die 50er-Jahre. Damals war Adorno der Revoluzzer. Er lehnte sich auf wider den »deutschen Muff« und die »Heideggerei« – eine Sprache, die Raum schaffe für fatale Fehldeutungen: »Es besteht ein Zusammenhang zwischen dieser Philosophie und den Faschisten«, schrieb Adorno. Doch er wandte sich nicht nur gegen Heidegger, sondern gegen einen Geist, den er in seiner Zeit verbreitet fand, in Zeitungsartikeln, Abhandlungen und Reden, in Prosa und Lyrik – eine »theologische Aura«, die von der »Masse der Eigentlichen mechanisch« nachgeahmt werde. Adorno steckte die Nase aus dem Muff, reiste 1961 nach Paris und machte sich daran, seinen philosophischen Gegenentwurf zu schreiben, in dem er nach Hegel’schem Vorbild Philosophie und Geschichte vereinen wollte: die »Negative Dialektik«, eine eigene Denklogik. Gleichzeitig wandte er sich gegen den »affirmativen« Grundzug, den er in der dialektischen Tradition von Platon bis Hegel erkannte. Er betonte das Verneinende: das Nichtidentische, das Nichtbegriffliche, das Nichtwissenschaftliche.

Im Frühjahr 1965 hielt Adorno eine viel beachtete Vorlesungsreihe in Paris. Kurz darauf reiste er für Gastvorlesungen nach Brüssel. Er war schwer im Stress. Schlechte Voraussetzungen, um ein großes Werk zu verfassen. Er klagte über Schlaflosigkeit, Kopf- und Halsschmerzen. Im Sommer 1966 endlich vollendete er das Manuskript – mit letzter Kraft. Zurück in Frankfurt, ging Adorno die »Negative Dialektik« in Seminaren mit seinen Studenten und…

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Nr. 2/2016