Lesezeit 20 Min
Philosophie

Die Gefühle der Anderen

Die Kunst, sich in andere hineinzuversetzen, gilt heute als Wundermittel. Dabei können Mitgefühl und Anteilnahme auch verführen – und trügen. Eignet sich die Empathie also überhaupt als Wegweiser?

Dragon Images / shutterstock.com
von
Tobias Hürter
,
Greta Lührs
und
Thomas Vašek
Lesezeit 20 Min
Philosophie

Stellen Sie sich vor, Sie treffen einen guten Freund, dessen Beziehung gerade in die Brüche gegangen ist. Erst einmal hören Sie zu und sagen nichts. Sie versuchen zu verstehen. Seinen Schmerz nachzuempfinden. Sich vorzustellen, was das alles für ihn bedeutet. Was er sich jetzt von seinen Freunden wünscht. Und was er auf keinen Fall möchte. Schließlich ergreift Sie selbst eine tiefe Traurigkeit. Plötzlich fühlen Sie sich so, wie sich Ihr Freund gerade fühlt – als wäre es Ihr eigener Schmerz. Empathie gilt als moderne Tugend: Wer sie beherrscht, den nennt man feinfühlig und sensibel. Der Empathische versteht seine Mitmenschen und kann gute Ratschläge geben. Wer hingegen unempfänglich ist für das Leid anderer, der erscheint uns manchmal wie ein Eisklotz oder Stein.

Empathie verlangt man heute von Lehrern und Managern ebenso wie von Politikern. Wer mit Menschen zu tun hat, wer andere führen will, der muss sich in sie »einfühlen« können. Viele halten Empathie für eine Art Zaubermittel, um das menschliche Zusammenleben zu verbessern. Von der Liebe über die Arbeit bis zur Flüchtlingsfrage: Überall soll Empathie helfen, Probleme zu lösen, Menschen zu verstehen, Beziehungen zu kitten. Man kann geradezu einen Empathie-Hype diagnostizieren. »Erst die Fähigkeit, sich in den anderen hineinzuversetzen, verleiht unserem Leben einen Sinn«, schreibt »Die Zeit«.

Dabei herrscht schon um den Begriff selbst Verwirrung. Unter Empathie verstehen wir gemeinhin, die Perspektive eines anderen einzunehmen. Doch diese Definition ist viel zu unpräzise. Zunächst muss man Empathie von Mitgefühl unterscheiden, also der Anteilnahme an der Situation eines anderen. Um Mitgefühl für jemanden zu empfinden, müssen wir dessen Emotionen nicht teilen. So kann man Mitgefühl für jemand haben, der um einen Angehörigen trauert, ohne deswegen selbst traurig zu sein.

Empathie ist auch nicht das Gleiche wie emotionale Ansteckung. Wenn wir uns von der Stimmung anderer beeinflussen lassen, sind wir deswegen noch lange nicht empathisch. Emotionale Ansteckung geschieht mehr oder minder automatisch, während Empathie eine bewusste Intention erfordert – Empathie zieht man sich nicht einfach zu wie einen Schnupfen. Man darf sie auch nicht mit persönlicher »Betroffenheit« verwechseln. Der Anblick eines Obdachlosen kann uns betroffen machen, ohne dass wir uns im Mindesten in dessen Lage versetzen. Im Mittelpunkt stehen dann nicht die Gefühle des anderen, sondern unsere eigenen. Bei der Empathie ist es genau umgekehrt.

Empathie heißt, sich das Erleben einer Person X in einer bestimmten Situation aus deren Perspektive vorzustellen. Man stellt sich also vor, wie die Situation für X ist –…

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Nr. 3/2016