Lesezeit 15 Min
Philosophie

Der Sinn des großen Denkens

Visionen sind keine puren Träumereien. Sie geben uns Orientierung und bringen uns voran. Eine Story über die großen Bilder im Kopf.

Elder Vieira Salles / Shutterstock.com
von
Tobias Hürter
Lesezeit 15 Min
Philosophie

»Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen«, sagte der einstige Bundeskanzler Helmut Schmidt einmal. Es dürfte der falscheste Satz gewesen sein, den Schmidt je von sich gegeben hat. Wie soll ein Mensch ohne ein Bild im Kopf überleben, das ihm die Richtung weist? Was Schmidt damals wohl meinte, war die Mahnung, dass niemand sich von seinen Visionen fort von der Wirklichkeit tragen lassen sollte. Das ist sicherlich richtig, aber es ist etwas anderes, als überhaupt keine Visionen zu haben. Zu wenig Vision ist ebenso ungünstig wie zu viel Vision – auf die Balance kommt es an. Erlauben Sie uns daher, Ihnen zu widersprechen, verehrter Herr Schmidt: Wer keine Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.

Was ist überhaupt eine Vision? Das Wort »Vision« ist schlicht das Substantiv zum lateinischen Verb »videre«: sehen. Eine Vision ist also, wörtlich genommen, nichts als ein Bild im Kopf. Im Deutschen ist das Wort »Vision« seit dem 14. Jahrhundert belegt. Es war die Zeit der Mystiker, von Meister Eckhart und Heinrich Seuse. Deren Ahnungen, inneren Offenbarungen und übernatürlichen Wahrnehmungen waren die ursprünglichen Visionen. Später, als das Geistesleben sich säkularisierte, fielen die Visionen in Ungnade, sie galten nun als religiöse Einbildun­gen, gar als krankhafte Trugbilder.

Ein große Renaissance der Visionen kam mit der geistigen Befreiung der 60er- und 70er-Jahre. John Lennon verewigte die Visionen von damals in seinem Lied »Imagine«, dessen Text es wert ist, ihn hier in voller Länge wiederzugeben:

Stell dir vor, es gibt kein Himmelreich,
es ist leicht, es zu versuchen,
keine Hölle unter uns,
über uns nur Himmel.
Stell dir vor, alle Menschen
leben für das Heute.
Stell dir vor, es gibt keine Länder,
es ist nicht schwer, es zu tun,
nichts, wofür man...

Jetzt weiterlesen für 0,54 €
Nr. 4/2014