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Philosophie

Der Kapitalismus ist ein Humanismus

Der Kapitalismus ist schuld an der Kluft zwischen Arm und Reich und deshalb auch an der Migration, glauben viele. Der Kapitalismus ist aber auch eine Chance, um die Flüchtlingsfrage zu lösen. Vielleicht die beste, die wir haben.

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von
Thomas Vašek
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Philosophie

Smartphones kennen keine Grenzen. Sie verbinden Menschen über Kontinente hinweg, sie schaffen Zugang zu Wissen, sie schicken Daten rund um die Welt. Kein anderes Gerät steht so sehr für Globalisierung, für Vernetzung und Mobilität.
Flüchtlinge mit Smartphones – das ist auch eine Metapher der gegenwärtigen Krise. Über das Smartphone halten sie Kontakt mit ihren Familien, mit Google Maps orientieren sie sich auf der Flucht, über Facebook kommunizieren sie mit ihren Freunden. Auf YouTube hören sie, was Angela Merkel zu sagen hat. Das Smartphone verbindet sie mit der westlichen, der kapitalistischen Welt. Es verbindet sie mit uns. Waren, Kapital und Daten bewegen sich heute frei über alle Grenzen hinweg. Menschen dagegen werden daran gehindert, einfach dort hinzugehen, wo sie hingehen wollen. Sie müssen unter Natodraht hindurchrobben, sie ertrinken im Mittelmeer oder ersticken in Lastwagen am Rand einer österreichischen Autobahn.

Sobald es Länder und Grenzen gibt, kann man Fremden den Zugang verweigern.

Schuld an der Flüchtlingskrise ist der globale Kapitalismus, glauben viele – ein angeblich unmenschliches Wirtschaftssystem, das überall nur Ungleichheit schafft, das Armutszonen in »Todeszonen« verwandelt, wie etwa der französische Philosoph Étienne Balibar in der Wochenzeitung »Die Zeit« schreibt. Flüchtlinge seien der »Preis der globalen Wirtschaft«, sagt der slowenische Philosoph Slavoj Žižek. Der Kapitalismus sei ein »auf systematischer Ungerechtigkeit und strukturellem Rassismus aufbauendes Wirtschaftssystem, das naturgemäß zu Migrationsbewegungen der Ausgebeuteten führt«, meint der akzelerationistische Theoretiker Armen Avanessian, ebenfalls in der »Zeit«.

In der Kritik am Kapitalismus treffen sich die Linken mit konservativen Kulturpessimisten wie dem Schriftsteller Botho Strauß, der im »Spiegel« schrieb, er würde »lieber in einem aussterbenden Volk leben als in einem, das aus vorwiegend ökonomisch-demografischen Spekulationen mit fremden Völkern aufgemischt, verjüngt wird…

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Nr. 1/2016