Lesezeit 11 Min
Philosophie

Der Chamäleon-Effekt

Es passiert den meisten von uns: Kaum haben wir einen festen Job, passen wir uns an. Doch was heißt das eigentlich? Ist Anpassung gut oder schlecht? Wann hilft sie, und wann sollten wir den Aufstand proben?

g-stockstudio / shutterstock.com
von
Greta Lührs
Lesezeit 11 Min
Philosophie

Als ich bei HOHE LUFT anfing, zierte ein silberner Ring meinen rechten Nasenflügel. Ein Überbleibsel der Sturm-und-Drang-Phase meines 15-jährigen Ichs. Während des Philosophiestudiums trug ich das Piercing noch, obwohl zu dem Zeitpunkt das knallrote Haar wieder dem Naturblond gewichen und der Nietengürtel in der Kiste für Jugendsünden verschwunden war. Unter den Philosophiestudenten fiel das Nasenpiercing überhaupt nicht auf – da gehörte ich eher zu den Normalos.

Ein halbes Jahr nach Praktikumsstart nahm ich den Ring raus. Wieso, ist mir selbst nicht ganz klar. Irgendwie hatte ich mich sattgesehen. Außerdem hörte ich von einigen Seiten, dass man mit so einem Ring in Kauf nehmen müsse, in eine gewisse Schublade gesteckt zu werden. Das wollte ich nun auch nicht so gern.

Berufsanfänger stehen oft vor dem Dilemma: Wie weit sollte ich mich anpassen, und wo hört das auf, wenn ich erst einmal im System drinstecke? Einige Bekannte von mir sind beispielsweise nur deshalb in der Kirche – oder sogar wieder eingetreten –, weil diese im sozialen Bereich einer der größten Arbeitgeber ist. Jurastudentinnen, die sonst St.-Pauli-Pullis tragen, verkleiden sich spätestens im Referendariat mit Blazer und Bleistiftrock – weil das eben so er wartet wird.

Anpassung ist eine Änderung des Verhaltens als Reaktion auf äußere Einflüsse. Wir passen uns Umweltbedingungen an, indem wir uns warm anziehen, wenn es kalt ist. Zunächst ist das eine kluge Strategie. Anpassung, so heißt es bei…

Jetzt weiterlesen für 0,49 €
kompakt #3 (2016)