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Philosophie

Das Sein, allein

Ganz für sich ist heute so gut wie niemand mehr. Selbst wer abends allein zu Hause sitzt, ist meist verbunden – mit dem sozialen Netz oder Instant-Messaging-Diensten. Ist das gut? Was macht das Alleinsein aus? Woher rührt seine Kraft?

Maya Kruchankova/shutterstock.com
von
Greta Lührs
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Philosophie

Wann waren Sie das letzte Mal richtig allein? Das hängt wohl davon ab, was man unter Alleinsein versteht. Wenn von der physischen Abwesenheit anderer Menschen die Rede ist, sind wir eigentlich nur in unserem privaten Wohnraum oder in der abgeschiedensten Einöde ohne Gesellschaft – vorausgesetzt, man zählt Tiere nicht mit. Allerdings kann man auch allein etwas unternehmen, wie ins Kino gehen oder in einem Café sitzen. Dann sind zwar andere Menschen anwesend, sie gehören nur nicht wirklich dazu, weil wir nicht mit ihnen zusammen unterwegs sind. Sie sind uns fremd. Wer in einem voll besetzten Zug fährt, antwortet auf die Frage, ob er allein reise, wohl mit Ja. Bekommt er in der gleichen Situation einen Anruf und der Anrufer fragt: »Bist du allein?«, könnte der Reisende aber auch mit Nein antworten, um darauf anzuspielen, dass er nicht frei sprechen kann, weil andere Menschen im Abteil sind. Die Beziehung, die wir zu den Anwesenden haben, spielt offenbar eine maßgebliche Rolle für die Definition von »allein«. Alleinsein als Für-sich-Sein verstanden, ist heute etwas, das man sich erkämpfen muss – denn Gesellschaft ist allgegenwärtig. Wohin man auch geht, trifft man auf andere Menschen. Im Analogen wie im Digitalen.

Das Alleinsein ist inzwischen ein Zustand, den man gezielt suchen muss, da er alles andere als selbstverständlich ist. Stattdessen kommt es darauf an, gut vernetzt zu sein. Am besten global und mit jedem, der irgendetwas zu sagen hat. Und heute hat so...

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Nr. 4/2014