Lesezeit 21 Min
Kultur

Michael Wollny

„Man hat Sachen in den Fingern, die man nicht einmal im Kopf hat.“

ANDREAS ENRICO GRUNERT
von
Sascha Krüger
Lesezeit 21 Min
Kultur

Zur Person

Michael Wollny kam 1978 in Schweinfurt zur Welt, wo er zunächst eine Ausbildung in Geige und Klavier genoss. In dieser Zeit nahm er mehrfach erfolgreich an „Jugend musiziert“-Wettbewerben teil. Ab 1997 studierte er an der Hochschule für Musik in Würzburg und schloss 2004 mit einem Meisterklassendiplom ab. Während des Studiums war er Mitglied des Bundesjazzorchesters, mit dem er erste Tourneen unternahm. Seit 2001 veröffentlicht er auch Musik auf CD – mal im Duett, häufig in einer Triobesetzung unter dem Namen [em] mit Eva Kruse am Bass und Eric Schaefer am Schlagzeug. Insgesamt erschienen bislang 15 Tonträger zwischen Jazz, Improvisation und Komposition, seine letzten beiden CDs „Weltentraum“ und „Nachtfahrten“ schafften es sogar in die Pop-Albumcharts. Wollny gewann eine Vielzahl an Preisen, unter anderem allein acht Jazz-ECHOs sowie den Neuen Deutschen Jazzpreis und die internationale Auszeichnung „Europas Jazzmusiker des Jahres“. Seit 2014 lebt Wollny mit seiner Familie in Leipzig, wo er als Professor an der Hochschule für Musik und Theater lehrt.

Leipzig. Gemeinhin wird Michael Wollny als das neue Genie der Jazzmusik beschrieben – nicht nur hierzulande, sondern international. Der Pianist entdeckt neue Welten der Improvisation, füllt die größten Konzerthäuser – und ist einer der jüngsten Professoren für Musik. Um die Ecke seiner Leipziger Hochschule treffen wir ihn in einem Café und lassen uns zunächst den Jazz erklären: Wie funktioniert er? Wie geht das mit der Improvisation? Im weiteren Verlauf kommen dann andere Themen zum Tragen: Etwa die Inspiration durch Horrorfilme oder die Freiheit, die im Musizieren steckt, wenn man hoffnungslos übermüdet ist.

Herr Wollny, haben Sie heute schon etwas auf dem Piano entdeckt?

Ja. Ich habe heute Vormittag unterrichtet, und das Schöne am Unterrichten ist, dass die Inhalte dabei auf einen zukommen. Ein Student oder Kollege bringt etwas mit, dann arbeitet man gemeinsam daran und findet plötzlich irgendwelche Akkorde oder Ideen, die man so vorher noch nicht hatte. Gerade heute war ein Schlagzeuger da, der bei mir Kompositionsanregungen sucht. Er hat ein Stück für Soloklavier geschrieben – nur ein paar ganz seltsam organisierte, nicht tonale, aber auch nicht zu kryptische Takte. Das brachte uns zu einem Gespräch über gestische Musik, denn in seiner Musik stecken ganz starke Gesten. Beim Nachdenken darüber, wie man diese erweitern und ausbauen kann, kommt man auf ganz neue Ideen und Perspektiven.

Musik ist für Sie also eine Sprache, die niemals zu Ende formuliert werden kann?

Ich habe mal mit einer…

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Nr. 15/2016