Lesezeit 21 Min
Philosophie

Michael Schmidt-Salomon

„Die Stärke unserer offenen Gesellschaft ist die Bildung“

MARINA WEIGL
von
André Boße
Lesezeit 21 Min
Philosophie

Zur Person

Michael Schmidt-Salomon (geboren am 14. September 1967 in Trier) wuchs in einem katholischen Elternhaus auf. Obwohl er persönlich keine negativen Erfahrungen mit der Kirche machte, entwickelte er durch sein Studium der Erziehungswissenschaften sowie Studien in Philosophie, Soziologie und Kommunikationswissenschaft eine religionskritische Haltung.

Seit 2006 ist er Vorstandssprecher der Giordano-Bruno-Stiftung, die sich für die Förderung des evolutionären Humanismus einsetzt. Schmidt-Salomon veröffentlichte eine Reihe von philosophischen Büchern, darunter Bilderbücher für Kinder.

Er ist auch als Musiker aktiv und organisierte öffentlichkeitswirksame Aktionen wie die „Religionsfreie Zone: Heidenspaß statt Höllenqual!“ beim Weltjugendtag der katholischen Kirche 2005 in Köln. 

Köln. Am Abend hat Michael Schmidt-Salomon einen Termin beim WDR, den Nachmittag verbringt er beim Interview in einem Café im Belgischen Viertel. Der Philosoph hat sich als Religionskritiker und Vertreter des evolutionären Humanismus einen Namen gemacht. Schmidt-Salomon plädiert für eine säkulare Vernunft, die in Gefahr ist – nicht durch den politischen Islam, sondern auch durch die Gegenreaktion: Für ihn sind der Wahlsieg von Trump und die Stärke der AfD Indizien dafür, dass der christliche Fundamentalismus an Boden gewinnt. Und im Gespräch macht er keinen Hehl daraus, dass er diese Entwicklung für einen dramatischen Rückschritt hält.

Herr Schmidt-Salomon, Sie kritisieren Religion und Kirche, wo Sie nur können. Gab es dafür einen Auslöser in Ihrer Biografie?

Keinen direkten, ich habe keine negativen Erfahrungen mit einem Katholiken gemacht und im kirchlichen Umfeld sogar viele Menschen kennengelernt. Aufgewachsen bin ich in einem sehr liberalen katholischen Elternhaus. Zur Zeit meiner Kommunion habe ich noch an Gott geglaubt, daran kann ich mich erinnern. Heiland, Hölle, Himmel – das habe ich mir schon alles so vorgestellt. Die Erstkommunion erzeugte bei mir dann eine merkwürdige Mischung aus Erhabenheit und Ekel: Ich habe mir damals schon vorgestellt, den Leib eines vor 2000 Jahren gestorbenen Mannes auf der Zunge zu haben. (lacht) Mit 15 oder 16 habe ich dann angefangen, viele wissenschaftliche Bücher zu lesen. Im Zuge dessen verlor die Religion an Plausibilität. Was mir der Glaube an einen Gott abverlangte, stimmte einfach überhaupt nicht mehr mit dem überein, was ich über die Welt erfahren habe.

Das erklärt die Distanz. Nicht aber die Kritik.

Anfang der Neunzigerjahre war ich mit Robert Jungk befreundet, einem der ersten…

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Nr. 21/2017