Lesezeit 23 Min
Kultur

John Irving

„Das Leben ist schlampig und ein einziges Durcheinander.“

BASSOCANNARSA OPALE LEEMAGE LAIF
von
Sascha Krüger
Lesezeit 23 Min
Kultur

Zur Person

John Winslow Irving wurde 1942 als John Blunt in Exeter, New Hampshire, geboren. Mit sechs Jahren adoptierte ihn sein Stiefvater, seitdem trägt er seinen heutigen Namen. Seinen leiblichen Vater lernte er nie kennen, stieß aber dafür fast zufällig um die Jahrtausendwende auf zwei Halbgeschwister. Nach einer schwierigen Schulzeit (bedingt durch eine nicht erkannte Legasthenie) widmete er sich dem Ringersport, erst Mitte der Sechzigerjahre stieß er während eines Wien- Aufenthaltes auf die erste tragende Romanidee. International erfolgreich wurde er mit seinem vierten Roman „Garp und wie er die Welt sah“; bislang erschienen 14 Romane, fünf wurden in Hollywood verfilmt. Irving lebt mit seiner zweiten Frau, seiner Agentin Janet Turnball, und seinem dritten Sohn Everett abwechselnd in Vermont und Toronto.

Hamburg. Vor fast genau einem Jahrzehnt trafen wir John Irving zum ersten GALORE-Gespräch. Damals äußerte er den Satz, der fortan Leitmotiv für dieses Magazin wurde: „Ein gutes Gespräch kennt seinen Weg.“ Derart gerüstet, begegnen wir dem Autor in einem Hamburger Luxushotel erneut, wissend, dass ein klassisches Interview mit ihm kaum möglich ist. Erneut entsteht ein angeregter Gedankenaustausch, der die Gesprächspartner in die unterschiedlichen Richtungen treibt. Darunter: Zorn und Güte von Religion und Atheismus, die Existenz von Geistern, Helden mit Schneid und Antihelden im Selbstmitleid, Donald Trump und William Shakespeare, dumme Medien und kluge Müllkippenkinder – sowie ein flammendes Plädoyer für mehr Geschichtsbewusstsein.

Herr Irving, Ihr neuer Roman „Straße der Wunder“ beinhaltet viele Details, die im Rahmen Ihrer Geschichten neu sind. Etwa die Verhandlung christlichen Glaubens am Beispiel konkurrierender Madonnen, aber auch eine Auseinandersetzung mit – nennen wir es – „magischem Realismus“ wie Hellseherei und Gedankenlesen. Da Sie einen Roman immer vom Ende her schreiben: War es von vornherein geplant, dass diese Aspekte zentral sein würden? Oder hat sich das Buch im Laufe des Schreibens verändert?

Das Buch hat sich nicht verändert, während ich es schrieb. Und ich würde Ihren Begriff des„magischen Realismus“ auch nicht verwenden. Letztlich bemühe ich mich seit meinem ersten Roman, mit Scharfsinn und Genauigkeit bestimmte Aspekte des menschlichen Daseins zu beschreiben. Dabei müssen diese Aspekte nicht immer vollkommen realistisch sein – und doch sind sie für viele Menschen wahr. „Magischer Realismus“ ist einer dieser typischen Begriffe, mit denen Kritiker etwas zu umschreiben versuchen, das für einen Autor vollkommen selbstverständlich ist.

Sie können aber doch nicht leugnen, dass die genannten Aspekte als Sujet für einen Roman von Ihnen ziemlich ungewöhnlich und neu sind.

Und ob ich das kann! Schon deshalb, weil die Urversion von „Straße der Wunder“ über 20 Jahre alt ist. Damals war die Geschichte allerdings ein Drehbuch, das sich komplett auf die Kindheit meiner beiden Protagonisten Juan Diego und Lupe…

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Nr. 16/2016