Lesezeit 17 Min
Kultur

Irvine Welsh

„Ein Schriftsteller, der nicht glaubt, was er schreibt, ist ein Lügner.“

THOMAS DUFFEUE
von
Sascha Krüger
Lesezeit 17 Min
Kultur

Zur Person

Irvine Welsh kam am 27.9.1958 im schottischen Leith zur Welt. Mit 16 schmiss er die Schule, verdingte sich in zahlreichen Jobs und fand weder als Immobilienmakler noch als Management-Student Erfüllung. In Ermangelung einer gangbaren Alternative schrieb Welsh Anfang der Neunzigerjahre seinen ersten Roman „Trainspotting“. Das Buch wurde erst ein Erfolg, dann ein Kult, dann ein Erfolgs-Kultfilm und gilt mittlerweile als Standardwerk über die britische Rave-Kultur vor der Jahrhundertwende. Seither erschienen zehn Romane und vier Erzählbände von ihm, außerdem sechs Drehbücher und zwei Theaterstücke. Welsh lebt und arbeitet in Dublin.

Hamburg. Bevor er zu sprechen beginnt, fragt man sich unwillkürlich: Dieser auffällig unbeeindruckte Mann im Freizeitdress eines Frühpensionärs, der sanft wiegenden Schrittes die Hotellobby durchmisst, soll der Kopf hinter all den furios kranken Geschichten über Süchte und Sehnsüchte, Abstürze, Affekttäter, moralische Entgleisungen und das ganze Panoptikum menschlicher Abgründe sein? Doch dann macht Irvine Welsh den Mund auf, und alles ist gut. Wenn der Schriftsteller redet, hört man in den Worten das Rauschen schottischer Hinterhöfe, die Arroganz britischer Machos, Bierlachen im Rinnstein, aber auch den sittsamen Leiter eines örtlichen Debattierclubs.

Mr. Welsh, seit der Veröffentlichung Ihres Debütromans „Trainspotting“ gelten Sie als scharfzüngiger Chronist der Abgründe in Leben, Gesellschaft und Psyche Großbritanniens. Ihr neues Buch transportiert diese Beobachtungsschärfe nach Miami in die dortige Kunst- und Fitness-Szene. Selbst wenn man berücksichtigt, dass Ihre Analysen stets angriffslustig und selten freundlich sind, muss man dabei den Eindruck bekommen: Der „American Way of Life“ ist Ihnen noch verhasster als der britische.

Irvine Welsh: Da muss man differenzieren. Natürlich liegt es auf der Hand, dass jemand wie ich, mit meinem Beruf, zunächst von vielen Facetten des gewöhnlichen US-Alltags abgestoßen wird. Gleichzeitig muss ich sagen, dass mir in den USA häufig ein Phänomen begegnet ist, das den…

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Nr. 5/2015