Lesezeit 23 Min
Politik

Gregor Gysi

„Noch weiter links von uns brauchen wir nichts.“

JENS OELLERMANN
von
Sascha Krüger
Lesezeit 23 Min
Politik

Zur Person

Gregor Gysi wurde am 16.1.1948 in Berlin geboren. Er absolvierte eine Ausbildung als Rinderzüchter und studierte Jura an der Humboldt-Universität. In der DDR vertrat er als Anwalt unter anderem Regimekritiker wie Rudolf Bahro. 1967 trat er in die SED ein, deren Vorsitzender er 1989 wurde und die wenig später in PDS umbenannt wurde. 2002 wurde er Berliner Bürgermeister und Wirtschaftssenator, drei Jahre später übernahm er mit Oskar Lafontaine den Fraktionsvorsitz der Linkspartei. Bei den vergangenen drei Bundestagswahlen holte er in seinem Wahlkreis Berlin-Köpenick regelmäßig über 40% der Stimmen und zog per Direktmandat in den Bundestag ein. Gregor Gysi ist in zweiter Ehe verheiratet, hat drei Kinder und lebt in Berlin.

Berlin. Bis zu dieser Begegnung war es ein langer Weg. Schon im März ließ die Pressebetreuerin wissen: „Interview an sich ist kein Problem, aber die Länge!“ Im Mai wird beschieden: Wir haben eine Stunde. Am Stichtag läuft dann der Bahnstreik, es gibt kein Hinkommen. Es folgt das fieberhafte Fahnden nach einem zeitnahen Ersatztermin. „Kommen Sie Anfang Juni nach Köpenick, ins Bürgerbüro“, sagt die Betreuerin. „Da geht noch was, da ist eine Lücke.“ Mit einer Viertelstunde Verspätung kommt Gysi aus seinem Büro: „Los geht’s. In exakt 30 Minuten muss ich zum Flughafen.“ Nicht optimal, aber fangen wir mal an. Es folgen 90 Minuten an Gysis Seite, unfreiwillig mitgehörte Telefonate und eine Autofahrt quer durch die Stadt. In den Lücken dazwischen: Fragen stellen.

Herr Gysi, ursprünglich wollten wir Sie bereits vor eineinhalb Wochen treffen, der Termin musste aber aufgrund des Bahnstreiks verschoben werden. Sind Sie selber auch Opfer des Streiks geworden?

Gregor Gysi: In einem Fall hätte ich darunter gelitten, aber da sind wir dann eben mit dem Auto gefahren. (lacht)

Können Ihnen solche Momente Anlass dazu geben, die Solidarität vorübergehend zu vergessen und sich bei allem Verständnis für die Streikenden trotzdem über ausfallende Züge zu ärgern?

Nein, nicht wirklich. Aber es gibt natürlich trotzdem Umstände, die einen nerven. Ich erinnere mich an einen Streik der französischen Piloten und Fluglotsen, als ich einmal mit meinen Kindern nach Marseille fliegen wollte. Dabei wurden wir dermaßen aufgehalten und behindert, dass mich das schon sehr geärgert hat.

Was hat Ihren Hang zur Solidarität am meisten geschult: das Elternhaus, das DDR-System oder Ihr Eigenantrieb?

Das ist schwer einzuteilen. Natürlich: Mein Vater war jemand, der besonders mitfühlend mit Menschen war, das hat sich schon ein bisschen auf mich übertragen. Und dann war man in der DDR natürlich viel mehr auf Solidarität angewiesen, weil es eine geschlossene Gesellschaft war. Alles funktionierte nur über Beziehungen. Aber darüber hinaus bin ich auch einfach so geprägt. Das Problem bei mir ist:…

Jetzt weiterlesen für 0,65 €
Nr. 6/2015