Lesezeit 17 Min
Kultur

Frank Witzel

„Man braucht einen Irrtum, um sich auf den Weg zu machen.“

ANDREAS HORNOFF
von
Oliver Uschmann
Lesezeit 17 Min
Kultur

Zur Person

Frank Witzel wurde 1955 in Wiesbaden geboren und genoss eine klassische musikalische Ausbildung am Konservatorium Wiesbaden. Er spielt Klavier, Cello und Gitarre. Mitte der Siebzigerjahre begann er mit der Publikation von Lyrik in Literaturzeitschriften. Sein Buchdebüt war 1978 der Lyrikband „Stille Tage in Cliché“. In seinen Romanen wie „Bluemoon Baby“ (2001), „Revolution und Heimarbeit“ (2003) oder dem preisgekrönten „Die Erfindung…“ (2015) verknüpft er Sprachkunst und Zeitgeschichte, komplexe Theorie und sinnlich erfahrbaren Alltag. Heute lebt Frank Witzel mit seiner Partnerin im architektonisch wie kulturell häufig „unterschätzten“ Offenbach.

Luhmühlen. „Dies ist das Finale einer zehnmonatigen Reise“, sagt Frank Witzel bei seiner Lesung im Grünen Salon auf dem Festival A Summer’s Tale mitten in der Lüneburger Heide. Vergangenen Herbst wurde der Schriftsteller für seinen Roman „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. Seither befindet er sich unablässig auf Reisen, um über Literatur, Ästhetik und den Zeitgeist der alten BRD zu sprechen, die er in seinem Buch aus der Sicht eines verhaltensauffälligen 13-Jährigen schildert. Im Backstage des Festivals finden wir Platz in einer kleinen schwarzen Box neben den Garderoben der Musiker. Zwei Wände weiter spielt sich jemand an der Trompete warm.

Herr Witzel, in all Ihren Romanen und erst recht in „BRD Noir“, einem 169 Seiten langen Gespräch zwischen Ihnen und dem Historiker und Kulturwissenschaftler Philipp Felsch, geht es um das Unbehagen. Darum, dass hinter scheinbar intakten Kulissen das Dunkle lauert. Wir sind gerade von Blümchen, Kinderspielplätzen, freundlicher Musik und reiner Bio-Gastronomie umgeben. Wo sehen Sie hier den heimlichen Abgrund?

Ich bin eigentlich ein sehr harmoniebedürftiger Mensch. Daher laufe ich nicht durch die Gegend und suche überall nach dem doppelten Boden. Aber aus meiner Lebenserfahrung erahne ich ihn dann doch meistens irgendwo. Der Komponist John Cage, den ich sehr schätze, hat mal sinngemäß gesagt: „Je mehr man verändert,…

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Nr. 18/2016