Lesezeit 23 Min
Gesellschaft

Dominic Musa Schmitz

„Die Opfermentalität ist die Wurzel allen Übels.“

SEBASTIAN MÖLLEKEN
von
Oliver Uschmann
und
Sylvia Witt
Lesezeit 23 Min
Gesellschaft

Zur Person

Dominic Musa Schmitz wurde 1987 in Mönchengladbach geboren, wuchs katholisch auf und konvertierte mit siebzehn Jahren zum Islam. In der Salafisten-Szene stieg er schnell zum Star auf und gehörte zum engeren Kreis des Predigers Sven Lau. Sechs Jahre verbrachte er im inneren Kern der Szene, missionierte und verbreitete die radikale Botschaft auf allen Kanälen und Wegen. Seinen Ausstieg machte er 2013 öffentlich, schon kurz zuvor drehte er – immer noch Teil der Szene – die ersten eigenen kritischen Videos, in denen er Jugendliche davon abbringen wollte, nach Syrien zu gehen und sich dem Islamischen Staat anzuschließen. Heute betreibt Schmitz, weiterhin Muslim und in seinem islamischen Namen nach Moses benannt, Aufklärungsarbeit und wirbt auf seinem YouTube-Kanal „MusaAlmani“ für einen friedlichen Islam. 

Mönchengladbach. Das Café, in dem wir Dominic Schmitz treffen, trägt den originellen Namen „Das Café“. In der kleinen, schmalen Straße trotzen winzige Geschäfte wie eine Täschnerei oder ein Änderungsschneider dem gigantischen Raumschiff Enterprise, das in Form des Shopping Centers Minto vor einem Jahr in der Stadt gelandet ist. Auf kleinen Tafeln gegenüber der Bar sind die Tagesgerichte in Kreide zu lesen. An den Nachbartischen diskutieren sich Menschen während unseres Gesprächs laut und leidenschaftlich die Köpfe heiß in einem Land, indem sie das öffentlich einfach so dürfen, was der ehemalige Salafist Schmitz heute, drei Jahre nach seinem Ausstieg, umso mehr zu schätzen weiß.

Herr Schmitz, bei der Fotosession trugen Sie Kopfhörer. Hat das eine Bedeutung?

Es symbolisiert den Unterschied zu meiner Zeit als Salafist. Damals war Musik absolut verboten. Jetzt darf ich sie wieder hören.

Sind im Salafismus nicht sogar alle sinnlich erfreulichen Künste verboten?

Kunst als Ganzes nicht, aber ein Bildhauer darf beispielsweise keine Statuen bauen und ein Maler keine Seelen malen. Darstellungen von allem, was Augen hat, sind verboten. Das rührt daher, dass Gott der Erschaffer von Seelen ist und niemand anderes.

Das Verfassen von Geschichten wäre dann ebenfalls eine Gotteslästerung, weil man in Romanen und Drehbüchern ganze Charaktere erschafft.

Das fällt unter die Kategorie des Lügens. Schauspielerei ist deswegen ebenfalls untersagt, weil man etwas vortäuscht, das man nicht ist.

Das klingt nicht reizvoll. Es muss aber reizvoll gewesen sein, sonst wären Sie mit siebzehn Jahren nicht zum Salafisten geworden.

Wenn ich diese Zeit heute Revue passieren lasse, denke ich als erstes an die Wärme der Gemeinschaft. Man kommt als Fremdling in die muslimische Gemeinschaft und wird überwältigend herzlich aufgenommen. Was wusste ich als Teenager schon über den Islam? Ich wusste, dass man kein Schwein essen darf.

Sie sind klassisch christlich aufgewachsen?

Ich…

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Nr. 12/2016