Lesezeit 24 Min
Kultur

Dieter Nuhr

„Die Plärrer sind immer lauter als die Bedächtigen.“ 

Jochen van Eden
von
Oliver Uschmann
und
Sylvia Witt
Lesezeit 24 Min
Kultur

Zur Person

Dieter Nuhr wurde 1960 in Wesel am Niederrhein geboren und zog im Alter von vier Jahren mit seiner Familie nach Düsseldorf. Nach seinem Studium der bildenden Kunst und Geschichte betrat er 1987 erstmals testweise als Humorist die Bühne und blieb dabei. Seit 1994 tourt er mit Soloprogrammen durch die Republik, darüber hinaus profilierte er sich als gefragte Fernsehpersönlichkeit und Bestsellerautor. Als Fotograf stellt er seine Kunst, die auf zahlreichen Reisen entsteht, in Museen und Galerien aus. Nuhr lebt mit Frau und Tochter in Ratingen bei Düsseldorf.

Aurich. Noch liegt die Sparkassen-Arena leer unter dem gräulichen Himmel Ostfrieslands. Die Grüppchen, die anderswo häufig schon am Nachmittag vor der Halle warten, bleiben aus, Demonstrationen ebenso. Dieter Nuhr und seine Begleiter waren bis eben in einer Fußballkneipe Bundesliga gucken. Während der Fotosession zwischen tausenden knallroter Stühle plaudert er über den Spieltag. Zwischen unserem Interview und dem Auftritt in zwei Stunden benötigt er „etwas Zeit“, um den Einstieg ins Programm tagesaktuell zu variieren. Dass diese Aufgabe noch auf dem Plan steht, ändert allerdings nichts an der gedankenvollen Gelassenheit, die ein Gespräch mit ihm auszeichnet. 

Herr Nuhr, die letzten Monate waren voller Turbulenzen. Sie wurden aufgrund der Islamismuskritik in Ihrem Bühnenprogramm erfolglos verklagt und müssen sich bis heute davor schützen, von rechtskonservativen Kräften als neues Maskottchen missbraucht zu werden. In Frankreich ereignete sich der Anschlag auf die Satirezeitung Charlie Hebdo. Terrorgruppen marodieren durch die Welt. Sie waren in der Zwischenzeit vier Wochen in Südindien, in den Bundesstaaten Tamil Nadu und Kerala. Nach Ihrer Rückkehr gaben Sie zu all den verbohrten Kämpfen den vermutlich besten Kommentar ab: Gegen zu schmale Horizonte helfe „das Erlebnis, anderen Menschen beim Andersleben zuzuschauen.“ Dann erzählen Sie mal: Was war das markanteste Andersleben in Südindien?

Dieter Nuhr: Man lebt viel enger zusammen. Die Menschen füllen einfach den Raum. Das ist anders als bei uns, wo man eine gewisse Distanz voreinander hat. In Indien läuft man, wenn’s nötig sein sollte, auch übereinander her. Oder ineinander. Eine unglaubliche Enge. Dazu ertönt ein ganz bestimmter Sound. Eine Mischung aus Schnattern, Hupen, Rollen, Kratzen, Knirschen... und irgendwas ist nicht geölt. Der Europäer fragt sich da: Wie kann ein Mensch auf Dauer in dieser Hektik überleben? Für die Inder ist dieser Rhythmus aber völlig normal und entspannt.

Ihre Fotos aus aller Welt sind auf Ihrer Webseite sowie in Ausstellungen zu sehen. Schaut man sich an, wie Sie etwa Südindien abgelichtet haben, sind das nicht gerade die Bilder, die man auf den Webseiten der Wellnessreise-Veranstalter zu sehen bekommt...

Für Wellness würde ich nicht nach Indien fahren. Ayurvedahotels gibt es ja inzwischen auch in der Eifel. Ich begreife ohnehin nicht, wie manche Leute um die halbe Welt fliegen können, um sich dann die ganze Zeit irgendwohin zu legen.…

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Nr. 3/2015