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Wissen

Auf dem „Zauberberg“

Zu Besuch im Zentrum für unerkannte und seltene Erkrankungen

ANNE-LENA MICHEL
von
Oliver Uschmann
und
Sylvia Witt
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Zur Person

Jürgen Schäfer wurde 1956 in Karlsruhe geboren und studierte Medizin in Marburg und Frankfurt. Ende der Achtzigerjahre arbeitete er vier Jahre lang in der Forschung an den National Institutes of Health (NIH), in Bethesda, Maryland in den USA. 1996 habilitierte er sich für die Innere Medizin. Seit 2004 ist er Akademischer Direktor der Philipps- Universität Marburg. 2005 besetzte er die erste jemals gegründete Professur für Präventive Kardiologie. 2010 wurde er mit dem Ars legendi-Preis für exzellente Hochschullehre und 2013 mit dem Pulsus Award als Arzt des Jahres ausgezeichnet. 2013 wurde das „Zentrum für unerkannte und seltene Erkrankungen“ (ZusE) am Marburger Uniklinikum gegründet, das Schäfer seitdem leitet.

Das Uniklinikum Marburg, Teil des privatisierten Universitätsklinikums Gießen und Marburg (UKGM), liegt hoch auf den Lahnbergen in einem Waldgebiet. Bei der Anfahrt kommen einem Gedanken an den „Zauberberg“ von Thomas Mann, doch weder ist man hier der Auffassung, dass Krankheit den Menschen veredelt noch betreibt das Team um Professor Dr. Jürgen Schäfer Psychoanalyse. Die Frauen und Männer vom „Zentrum für unerkannte und seltene Erkrankungen“ analysieren Symptome, denen kein anderer Mediziner die richtige Krankheit zuordnen konnte. Ursprünglich inspiriert durch die detektivische Diagnostik des fiktionalen Arztes „Dr. House“, bleiben die Mediziner von Marburg solange am Fall, bis sie die Lösung gefunden haben. Ein Besuch an einem Ort, den zu erleben jede TV-Serie überflügelt.

Die Posthornschnecke und der böse Egel

Als Täter überführt wurde die Posthornschnecke. Ein putziges Wasserwesen mit dem zungenbrecherischen wissenschaftlichen Namen Biomphalaria glabrata. Nicht die hierzulande gezüchtete Variante für Gartenteiche, sondern ein Original aus Afrika. Sie kam offensichtlich als Beifang mit einer Lieferung Flussgarnelen nach Deutschland und teilte sich das Aquarium mit den gefragten Zierwesen. „Üblicherweise gehen bei professionellen Händlern Tiere aus diesen Gefilden nach dem Import mehrere Wochen in Quarantäne“, erklärt Prof. Dr. Jürgen Schäfer auf einem Drehstuhl im Labor, „aber mit den Direktbestellungen via Internet kommen solche Tiere – und damit auch die Parasiten – in wenigen Tagen hier an. Wir gehen davon aus, dass unser Patient sie sich auf einer Spezialmesse ins Haus geholt hat. Hier müssten Tierimporte deutlich besser überwacht werden.“ Der Patient hatte, kurz bevor seine Beschwerden begannen, mit einer Garnelenzucht begonnen und besaß mehr als ein Dutzend Aquarien. Nicht, dass er das bei der Konsultation verschwiegen hätte, aber: „Wer kommt schon direkt darauf, rätselhafte Entzündungen und chronische Darmbeschwerden mit solch einem Hobby in Verbindung zu bringen?“ Schäfer gibt zu: „Ich weiß, hinterher hört es sich immer so an, dass man denkt: Ja, natürlich, glasklare Sache. Aber der Weg dorthin ist oftmals gar nicht so…

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Nr. 19/2016