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Wirtschaft

„Dann brechen alle Dämme“

Deutschlands Top-Vermögensverwalter warnen vor politischen Turbulenzen und einem Crash des Geldsystems. Im Interview erklären sie, warum Aktien dennoch die beste Anlage sind

STEFAN PIELOW FÜR €URO
von
Tobias Aigner
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Wirtschaft

uro: Im Januar 2017 zieht Donald Trump als US-Präsident ins Weiße Haus ein. Er steht für Deglobalisierung und Abschottung. Wird er den Börsen noch schaden?

Michael Reuss: Trump ist eine Black Box. Wir wissen nicht, für was er wirklich steht. Sein Markenzeichen ist vor allem Unberechenbarkeit. Das dürfte der Börse auf Dauer nicht gefallen.

Philipp Vorndran: Der Trend zu mehr Protektionismus bereitet uns tatsächlich starke Kopfschmerzen. Jeder Volkswirt weiß, dass eine offene globale Wirtschaft der beste Treiber für Wohlstand und Unternehmensgewinne ist. Unter dem Motto „America first“ kann Trump hier viel Schaden anrichten: Einfuhrzölle durchboxen, Handelsvereinbarungen kippen und moralischen Druck auf heimische Unternehmen ausüben. Was für die USA positiv scheint, kann für den Rest der Welt zum Problem werden.

Die Wall Street hat seinen Wahlsieg trotzdem mit einer Kursrally gefeiert. Wieso das?

Peter Huber: Weil man sich positive Einflüsse auf die Wirtschaft erhofft. Von der extremen Globalisierung haben auch die Amerikaner profitiert. Wenn Trump jetzt einen Handelskrieg anzettelt, leidet die US-Wirtschaft genauso wie Europa oder Asien. Deshalb wird er stillhalten. Er wird die Konjunktur nicht ausbremsen, jedenfalls nicht dauerhaft.

Der Trend zu Protektionismus und Nationalismus ist auch in Europa spürbar, die Populisten haben großen Zulauf. In den Niederlanden, Frankreich und Deutschland stehen 2017 Wahlen an. Ist der Börsenaufschwung in Gefahr?

Reuss: Eine Baisse sehe ich nicht. Aber wenn in Frankreich der Front National die Wahl gewinnen sollte, wird das zu heftigen Schockwellen an den Aktienmärkten führen. 2017 brauchen die Investoren gute Nerven. Es wird keinen Freifahrtschein für Aktien geben.

Hendrik Leber: Mal ehrlich, die Politik können wir sowieso nicht vorhersagen. Mit Trump als Präsidenten hat niemand gerechnet. Mit dem Brexit auch nicht. Natürlich haben Wahlen gravierende Folgen. Durch den Brexit werden massenhaft Investitionen aufgeschoben, die britische Wirtschaft wird in die zweite Klasse absteigen. Aber auf Wahlen zu spekulieren, führt an der Börse nicht zum Erfolg. Besser setzt man auf Aktien von guten Unternehmen. Die schlagen sich auch in schwierigen Phasen gut.

Jens Ehrhardt: Trotzdem, die Politik ist ein Störfaktor. So wie Renzis verlorenes Referendum in Italien…

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Nr. 1/2017