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Der Trost von Enten

Kyo Maclear wollte Ruhe finden. Und tat etwas Altmodisches: Vögel beobachten

Kyo Maclear / unsplash.com
von
Maja Beckers
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„An mir war irgendwas kaputt, aber ich wusste nicht, was“, sagt Kyo Maclear über den Winter vor drei Jahren. Maclear war damals 43 und eigentlich mochte sie ihr Leben. Sie liebt ihren Mann, die Söhne, ihren Job als Autorin und ihre Heimat Toronto. Aber sie hatte auf einmal den starken Drang wegzulaufen. „Ich war nie der Outdoor-Typ, aber plötzlich habe ich von Fußspuren geträumt und Leute beneidet, die große Wanderungen machen. Ich habe mir bei jedem Menschen, der nett zu mir war, vorgestellt, wie es wäre, mit ihm durchzubrennen – mein Chiropraktiker, der Typ, der im Café an der Ecke arbeitet, die Frau, die mir im Supermarkt die Tür aufgehalten hat.“

Dabei will sie gar nicht wirklich weg. Als sie eines Nachts wieder von Wanderwegen träumt, wird ihr klar, sie sucht gar keine Flucht, sondern Führung: „Etwas oder jemanden, der mir den Weg zeigt.“ Den hatte sie verloren, seit ihr Vater kürzlich zwei Schlaganfälle gehabt hatte. „Dabei fanden die Ärzte noch ein zerebrales Aneurysma in seinem Gehirn, das irgendwann reißen und ihn wahrscheinlich töten wird“, sagt Maclear. Manchmal kann so etwas durch eine Operation verhindert werden, aber wegen seines hohen Alters wollten die Ärzte nicht mehr operieren. „Seitdem sind wir in der schrecklichen Situation, nichts tun zu können, zu warten, dass es passiert, und zugleich Angst zu haben, dass es passiert.“

Maclear litt unter etwas, das Psychologen „vorausschauende Trauer“ nennen, Trauer, die man schon vor einem zu…

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Nr. 6/2017