Lesezeit 27 Min
Wissen

Ein Herz und eine Säge

Die Deutschen lieben Buchen, Fichten, Tannen. Trotzdem verbauen und verbrennen sie so viel Holz wie lange nicht. Wie passt das zusammen? Eine Reportage über Waldschützer und Waldnutzer – und über die Frage, ob Bäume fühlen können

Roy Pedersen / shutterstock.com
von
Henning Sußebach
Lesezeit 27 Min
Wissen

Was die innere Mitte eines Landes ausmacht, das wird auch an seinen Rändern entschieden. In Kegelkellern, Wirtshäusern, Vereinsheimen. Und sogar im Wald. So ist es von Bedeutung, dass an diesem Wintermorgen in Oberbayern, südlich der Gemeinde Dietramszell, ein Baum fällt. Über Nacht hat es geschneit, unter einem fahlen Himmel taut und tropft der Wald, klatscht nasser Schnee von Ästen. Zu hören ist davon nichts, denn mitten in der Winterlandschaft dröhnt und dampft ein riesiges Maschinenwesen, beißt sich durch den Wald wie ein hungriges Insekt. Mit Zangenarmen, Sägen, Walzen und Entastungsmessern ausgerüstet, nimmt es den gefallenen Baum in den Griff: eine Fichte, vielleicht 90 Jahre alt. Schnee spritzt, Rinde platzt, Späne fliegen. Sekunden später liegt der Stamm zerteilt am Boden, lastwagenkompatibel zugeschnitten, fachgerecht zerlegt wie eine Schweinehälfte. Das Maschinenwesen – in der nichts beschönigenden Fachsprache der Forstwirtschaft Harvester, Erntegerät, genannt – schnauft kurz hydraulisch durch. Und wendet sich dem nächsten Baum zu.

Einige Meter abseits steht reglos ein Mann, rank und aufrecht, die Hände in den Hosentaschen, als sehe er einem öden Dorfkick zu. Stiefel und Jeans, Steppjacke und Filzhut, weißes Haar und wache Augen. Florian von Schilcher, Jahrgang 1944, bayerischer Adeliger und Waldbesitzer in sechster Generation, sieht an diesem Morgen Bäume fallen, die sein Großvater Hubert pflanzte.

Wehmut?

»Ah, Schmarrn! Bäume wachsen, um geschlagen zu werden«, sagt Schilcher. »Wehmut ist da nur, wenn sich’s um besonders prächtige Exemplare handelt.«

An dieser Stelle ist es wichtig, ihn wirklich reden zu hören, weil er nicht das eifernde Angriffsbayerisch junger CSU-Generalsekretäre spricht, wie seine Sätze vielleicht vermuten lassen, sondern den behaglichen Biergartendialekt gesetzter Generationen: Es ist, wie es ist. Wo gehobelt wird, da fallen Späne. Aus dem Wipfel der Fichte, die zwei Weltkriege überlebte, werden jetzt eben Holzpellets für die Energiewende in Deutschland. Und aus dem Stamm wird womöglich ein Dachstuhl in Syrien, »falls da je wieder Frieden einkehrt«. Schilcher wird es nie erfahren, will es auch nicht wissen, ihm genügt, zu sehen, dass dort, wo eben noch der alte Baum stand, nun Licht und Luft ist, damit die nächste Fichte »Gas geben« kann. In einigen Jahrzehnten werden seine Söhne oder Enkel sie fällen.

So einfach ist das.

Es ist dasselbe Jahr, derselbe Winter, dasselbe Land, nur ein anderer deutscher Rand und ein anderer Wald, in dem ein hochgewachsener Mann in olivgrüner Förstermontur über Laub und Zweige stakst. Kein Laut ist zu hören, nur hin und wieder knackt ein Ast im Gemeindeforst des Eifeldorfes Hümmel, Rheinland-Pfalz. Der Mann im Wald trägt eine schwarz gerahmte Brille und Dreitagebart, man könnte ihn für einen Therapeuten aus der Großstadt halten. Plötzlich geht er in die Hocke, so tief, bis er genau so auf dem Boden kniet wie einst die Frau, die auf der 50-Pfennig-Münze eine Eiche pflanzte. Er wischt altes Laub beiseite, Moos und Moder.

»Sehen Sie das?«, fragt er.

Im Boden klemmt ein schrundiges Etwas. Knorrig, dunkel, tot.

»Kratzen Sie mal«, sagt er. »Aber vorsichtig.«

Unter dem Dunkel wird es hell. Da ist Holz. Leben.

Vor einigen Jahren war es Peter Wohlleben selbst, der – neugierig und ratlos – mit seinem Taschenmesser an diesem dunklen Klumpen schabte. Ein uralter Baumstumpf, Rest einer Buche. Wie konnte die noch leben, ohne Stamm, ohne Blätter, ohne Fotosynthese? Mit Biologen der nahen Aachener Hochschule sah sich Wohlleben das Wesen im Wald genauer an. Offenbar pumpten die umstehenden Bäume dem verkrüppelten…

Jetzt weiterlesen für 0,71 €
Nr. 10/2016