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Kultur

"Wir müssen unübersehbar werden!"

Hasko Weber leitet das Deutsche Nationaltheater in Weimar: Inbegriff deutscher Kultur und Demokratie in einem Umfeld, in dem Pegida, AfD und Neonazis immer stärker geworden sind. Er wendet sich leidenschaftlich gegen einfache Lösungen und undifferenzierte Feindbilder

By Nikater (Own work) [Public domain], via Wikimedia Commons
von
Detlef Brandenburg
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Kultur

Herr Weber, Sie stammen aus Dresden, waren dort Schauspieler und später Schauspieldirektor. Hätten Sie sich träumen lassen, dass eines Tages nicht etwa die Frauenkirche oder die Semperoper das Wahrzeichen dieser Stadt sein würde, sondern die „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“?

Hasko Weber: Pegida war als Äußerungsform natürlich nicht vorhersehbar. Aber schon als ich in den 1990er-Jahren in Dresden gearbeitet habe, gab es deutlich konservative, reaktionäre und rechtsextreme Positionierungen. In Sachsen wuchs über Jahre eine Zustimmung zu rechten Parteien, die NPD erreichte bei Wahlen in manchen Regionen 20 Prozent. Das war, glaube ich, für viele richtungsweisend im Sinne einer radikalen, weniger demokratischen Weltsicht. Man hat das öffentlich nur verdrängt. Erst nachdem einige Tausend Menschen ihre Haltungen demonstrativ auf der Straße äußerten, setzte eine mediale Wahrnehmung ein. Aber wer heute sagt, das wäre alles ganz überraschend gekommen, war blind und taub. Das mediale Bashing, welches sofort mit dem Auftauchen von Pegida und auch der AfD einsetzte, hat diese Kräfte zusätzlich stark gemacht. Um die Ursachen ging es kaum. Dadurch haben diese Bewegungen eine wesentliche Bestätigung erfahren. Zu behaupten, dass die alle Idioten sind, ist falsch, ist undemokratisch, und es ist auch unsouverän.

Sie meinen, man sollte Pegida und die AfD nicht verteufeln? 

Hasko Weber: Wenn ich im Umgang mit anderen Respekt erwarte, dann sollte ich ihnen auch mit Respekt begegnen – ob mir das gefällt oder nicht. Deshalb fand ich es richtig, dass der Theologe und Pfarrer Frank Richter, der 1989 in Dresden die Gruppe der 20 gebildet hatte und der sich heute klar gegen Anfeindungen gegenüber Flüchtlingen positioniert, öffentliche Gespräche mit Pegida-…

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Nr. 7/2016