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Kultur

Faust trifft Flüchtlinge

Am Dortmunder Ballett hat Chefchoreograph Xin Peng Wang seine Goethe-Adaption „Faust II – Erlösung!“ als eindrucksvolles Gesamtkunstwerk inszeniert. Er verzichtet auf eine choreographische Nacherzählung und weiß die Vorlage kritisch mit der Gegenwart zu verbinden

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von
Bettina Weber
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Sein Streben nach Erkenntnis und das innere Gespür dafür, letztlich das Richtige zu tun, sind es wohl, die Goethes Faust am Ende seines Lebens trotz aller Schuld von seinem befürchteten Schicksal erlösen: „Ein guter Mensch, in seinem dunklen Drange, ist sich des rechten Weges wohl bewusst“, konstatiert Faust selbst und lädt doch mehrfach Schuld auf sich. Zuletzt, vor seinem Tod, möchte er aus dem Meer Land für die Besitzlosen gewinnen, „auf freiem Grund mit freiem Volke stehen“. Mit dieser späten Erkenntnis ist auch ein unerschütterlicher Optimismus verbunden. Ganz in diesem Sinne hat nun Dortmunds Ballettdirektor Xin Peng Wang die literarische Vorlage „Faust II“ in ein Ballett verwandelt (nachdem er sich in der letzten Spielzeit bereits mit „Faust I“ befasst hatte) und dabei um eine heutige Perspektive erweitert: Etwa genauso viel Raum wie die Motive aus „Faust II“ nehmen nämlich getanzte Reflexionen auf das Leid der vielen Flüchtlinge ein, das uns seit dem Sommer 2015 so massiv begegnet ist und noch immer begegnet.

Genauso grell wie der Optimismus leuchtet also auch der Zweifel von der Bühne: Ist sich der Mensch noch des „rechten Weges“ bewusst? Wieso ertrinken im Mittelmeer unzählige Menschen? Wieso erstarken in Europa rechte Parteien? Und, wie der Chefdramaturg Christian Baier (Konzept, Szenario, Dramaturgie) im Programmheft konkret fragt: „Hat das Ballett, auch wenn eine abstrakte Ausdrucksform, das Recht, auf Realitäten seiner unmittelbaren Gegenwart nicht…

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Nr. 1/2017