Lesezeit 23 Min
Gesellschaft

Zwei Minuten Glück

Majid Diallo ist 27 und will weg aus Afrika. Doch seine Überfahrt nach Italien scheitert, er macht sich auf den langen Weg zurück nach Guinea. Die Geschichte seiner Reise zeigt, warum es für viele Migranten keine Heimkehr gibt.

SASCHA MONTAG / DER SPIEGEL
von
Fritz Schaap
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Gesellschaft

Vier Tage und 15 Stunden bevor Majid Diallo in sein Dorf im Norden Guineas zurückkehren und den Traum der anderen zerstören wird, bevor er seiner Mutter sagen wird, dass er ihr kein Haus bauen wird, dass er dem Dorf keine Schule schenken, den Dorfvorsteher nicht beim Aufbau der Mangoplantagen unterstützen wird, läuft er eine ausgestorbene, staubige Straße entlang, zu einem der vielen Busbahnhöfe Niameys, der Hauptstadt Nigers.

Er schaut in den Himmel, wo die Flughunde kreisen. Fragend. Ein kleiner Mann, 1,68 Meter, schätzt er. 27 Jahre alt. Zurückhaltend, mit wachen Augen. Eine zerschlissene Trainingsjacke über dem Muskelshirt. Ein paar Narben wie verirrte Sommersprossen im Gesicht.

Er schiebt sich die Kopfhörer auf die Ohren. Wie Mickymaus sehe er damit aus, haben die anderen immer gesagt, die noch in Libyen sind oder tot. Er hatte Glück. Diallo läuft auf dem Boulevard Mali Bero in Richtung Norden. Auf einer dieser breiten Straßen Niameys, auf denen nie Stau herrscht, weil es dafür nicht genug Autos gibt. Niamey, wo roter Staub den Boden bedeckt. Die Stadt, durch die fast jeder Migrant in Westafrika kommt, auf dem Weg in den Norden Nigers, nach Agadez, dem Drehkreuz, von dem aus die Schmuggler die Migranten weiter in die Wüste fahren. Auf den Ladeflächen ihrer Pick-ups, hinein nach Libyen.

Niamey, die Stadt aber auch, die nun zur Drehscheibe für die geworden ist, die aufgegeben haben. Die zurückfahren in ihre Heimat. Wie Majid Diallo.

Diallo ist, was die Europäische Union sich wünscht. Ein Migrant, der umkehrt, bevor er europäischen Boden erreicht hat. Um mehr wie ihn zu haben, bildet die EU Sicherheitskräfte in Niger aus, lässt Zäune bauen, unterstützt dubiose Milizen, die in Libyen die Küste sichern sollen. Pumpt Hunderte Millionen Euro in die Sahelzone. Diallo ist für die EU ein Erfolg.

Ein junger Mann, der loszog, um seiner Mutter ein Haus, seinem Dorf eine Schule zu bauen, der früher unter den Akazien mit einem platten Ball kickte, der dem Nachbarn zum Spaß die Hennen stahl und der, weil er zu arm ist, noch immer nicht heiraten will, da er seinen Kindern nicht zumuten möchte, was das Leben ihm zumutet. Und der nun wieder zurück nach Hause muss.

15,9 Millionen Migranten gab es laut der jüngsten Studie der Internationalen Arbeitsorganisation in Genf 2014 in Afrika. Durch die EU-Politik sind die Zahlen derer, die durch Niger nach Norden ziehen, von 333 000 im Jahr 2016 auf knapp 70 000 im Jahr 2017 gesunken, so die Zahlen der Internationalen Organisation für Migration (IOM). Das liegt laut IOM aber auch daran, dass die Migranten nun neue, oft noch gefährlichere Routen wählen, auf denen sie nicht erfasst werden. Nur wenig mehr als 7000 Männer und Frauen hat die IOM im vergangenen Jahr bei ihrer Rückkehr aus Niger nach Hause unterstützt. Um zu verstehen, warum es so wenige sind, muss man den Weg zurückgehen. An den Ausgangspunkt.

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Busbahnhof im nigerischen Niamey: »Für ein gutes Leben muss man nach Norden«

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Nr. 23/2018