Lesezeit 20 Min
Wirtschaft

Zum Nichtstun verdammt

Die deutsche Wirtschaft sieht im Zustrom der Flüchtlinge eine Chance für Wachstum und Wohlstand - wenn bürokratische Hemmnisse abgebaut werden.

JOERG GLAESCHER / DER SPIEGEL
von
Markus Dettmer
,
Carolin Katschak
und
Jasper Ruppert
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Wirtschaft

Said Haschimi schwitzt. Gut zwei Stunden lang hat er das Lager neben dem Büro neu sortiert, Metallschränke aufgebaut, Kisten ein- und wieder ausgeräumt.

Seit knapp einem Jahr macht der 18-Jährige aus Afghanistan eine Ausbildung zum Anlagenmechaniker bei Heizung-Obermeier, einem Heizungsbaubetrieb mitten in Münchens Altstadt. Die Arbeit werde nie langweilig, sagt er, "ich mag die Kollegen und bin oft auf dem Bau unterwegs".

Er hatte einen langen Weg zur Arbeit.

Said Haschimi ist das älteste von vier Kindern. Der Vater starb im Krieg. Als Said 15 Jahre alt war, floh er aus Dschalalabad. Fünf Monate dauerte seine Reise vom Nordosten Afghanistans nach München. Von Kabul flog er nach Teheran, schlug sich weiter durch, zu Fuß und mit Bussen, von der Türkei nach Griechenland, über Italien nach Deutschland. Mal in der Gruppe, mal allein. Über 6000 Kilometer. Ohne seine Familie.

Als er in München angekommen war, betreute ihn die Jugendhilfe. Am Anfang war es schwer, sich als Fremder zurechtzufinden. "Ich konnte niemanden verstehen", sagt Haschimi. Inzwischen spricht er fast fließend Deutsch. Seinen Hauptschulabschluss absolvierte er mit der Note 1,3. Dann machte er ein Praktikum als Autolackierer - ein weiteres bei Heizung-Obermeier. Dort bekam er vergangenes Jahr seine Chance. "Wenn er möchte, kann er auch seinen Meister bei uns machen", sagt Geschäftsführer Olaf Zimmermann.

Vor zwei Jahren merkte Zimmermann, dass es noch schwieriger geworden war, Fachkräfte zu finden. Schon damals beschäftigte er Menschen aus fremden Ländern. "Wir haben schon ganz Europa hier gehabt. Alle Hautfarben sind erlaubt", sagt Zimmermann, "die Arbeit steht im Vordergrund, alles andere interessiert nicht."

Derzeit beschäftigt Zimmermann zwei Flüchtlinge. Probleme hat er nur mit der Bürokratie. Er weiß nicht, ob Haschimi auch nach seiner Lehre noch in Deutschland bleiben darf.

Said Haschimi ist eines von Tausenden Kindern, die Jahr für Jahr in Deutschland stranden, oft wurden sie von ihren Eltern losgeschickt, in der Hoffnung auf ein sicheres Leben und gute Bildung. Auf Zukunft. Nach Schätzungen waren es 2013 über 5000, über 10 000 im vergangenen Jahr. Ihre Zahl steigt ebenso wie die der Asylbewerber und Flüchtlinge insgesamt. Für dieses Jahr rechnet die Bundesregierung mit bis zu 800 000 Asylbewerbern.

Der Strom der Fremden stellt die Gesellschaft vor immense Herausforderungen. Viele Kommunen sind überfordert, Flüchtlingsheime, Containerdörfer und Zeltstädte überfüllt. Er belastet die Sozialkassen und staatlichen Haushalte mit Kosten in hoher Milliardenhöhe.

Doch der Zustrom birgt auch Chancen - für die Wirtschaft des Landes. Denn die braucht, trotz fast 2,8 Millionen…

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Nr. 35/2015