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Politik

Zum Bleiben gezwungen

Afghanen zieht es nach Hamburg, Iraner nach Köln, Syrer oft nach Berlin. Jetzt will die Große Koalition das Muster brechen. Sie erwägt, die Freizügigkeit einzuschränken.

RAINER WEISFLOG / DER SPIEGEL
von
Markus Dettmer
,
Peter Maxwill
und
Cornelia Schmergal
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Politik

Vor dem Gebetsraum der Belal-Moschee haben die Gläubigen Stiefel und Sneaker ausgezogen. Es ist kein Haufen, sondern eine strenge Reihe, die sich an der Wand entlangzieht. Die Besucher haben ihre Schuhe so in das Regal sortiert, dass die Absätze genau mit der Kante abschließen.

Im ersten Stock eines ehemaligen Lagerhauses im Hamburger Osten befindet sich ein Zentrum afghanischen Lebens in Deutschland: der Verein afghanischer Muslime. In ihrem winzigen Büro verwalten Ali Ahmad Ruhani, grauer Anzug und graues Haar, und Ehsan Safarzadeh, Vollbart und Glitzerkettchen, eine Gemeinschaft, die stetig wächst.

Nirgendwo in Deutschland leben mehr Menschen afghanischer Abstammung als in Hamburg, schon seit Jahrzehnten zieht es sie hierher. Ende 2014 zählten die Statistiker in der Stadt mehr als 32 000 Menschen, die Wurzeln in Kabul, Herat oder Kandahar haben. Im vergangenen Jahr trafen fast täglich Neuankömmlinge ein. Die Behörden schickten rund 5500 afghanische Flüchtlinge nach Hamburg. Und das sind nur die, die bereits in den offiziellen Datenbanken auftauchen.

Irgendwann landen viele von ihnen im Büro der Belal-Moschee mit den heruntergelassenen Jalousien. "Man kennt sich halt", sagt Safarzadeh. "Sie kommen mit ihren Hausaufgaben hierher oder mit deutschen Behördenpapieren, die sie nicht verstehen." Es geht nicht nur darum, dass man im Moscheeverein ihre Sprache versteht, Dari. Es geht auch darum, ein Stück Zuhause zu finden. Anzukommen.

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Nr. 6/2016