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Politik

Zehn Prozent Hoffnung

Der kurdische Politiker Selahattin Demirtaş ist der einzige, der Präsident Erdoğan bei der Wahl am 7. Juni gefährlich werden kann. Aber werden die Türken ihn wählen?

CHARLOTTE SCHMITZ / DER SPIEGEL
von
Hasnain Kazim
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Politik

Alle wollen Selahattin Demirtaş sehen, den Mann, der die Türkei vor Präsident Erdoğan retten soll. Junge Studenten und Männer mit grauem Bart strömen in den Hörsaal der Bosporus-Universität in Istanbul, alle Stühle sind belegt, sie setzen sich auf den Boden, drücken sich an die Wände. Dann betritt Demirtaş die Bühne, und weil er sieht, dass sich die Menschen am Eingang drängen, ruft er: "Kommt doch auf die Bühne!"

Die Zuschauer jubeln, einige Übermütige stürzen auf Demirtaş zu, er posiert geduldig für Selfies. Ein junger Mann drückt ihm sein Baby in den Arm und macht ein Foto. Die Bodyguards sehen verzweifelt zu, doch Demirtaş lächelt. Auf der Leinwand hinter ihm steht "Büyük Insanlık", große Menschlichkeit. Es ist der Slogan der Demokratischen Partei der Völker, kurz HDP, ein Bündnis der Kurdenpartei BDP und türkischer linker Gruppen, deren Kovorsitzender Demirtaş ist. Ein Kurde, 42 Jahre alt, Menschenrechtsanwalt aus Diyarbakır, der den Präsidenten herausfordert und der antritt, die Allmacht der regierenden AKP zu brechen. Von seinem Erfolg oder Scheitern könnte abhängen, ob die Türkei endgültig zum Erdoğan-Staat wird. Oder ob die Demokratie eine Chance hat.

Demirtaş steht für eine liberale, proeuropäische Politik, er ist der Gegenentwurf zum polternden, provozierenden Autokraten Erdoğan, aber auch zum Langweiler Kemal Kılıçdaroğlu, dem Chef der säkularen Oppositionspartei CHP. Seine Gegner hingegen werfen Demirtaş vor, er sei ein Terrorist, der der…

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Nr. 23/2015