Lesezeit 20 Min
Gesellschaft

Zähne ins Leben schlagen

Die Jungen und Mädchen in dieser Klinik: hilfsbedürftig, psychisch krank. Ihr Ziel: zurückzukehren in einen Alltag.

SVEN DOERING / DER SPIEGEL
von
Katja Thimm
Lesezeit 20 Min
Gesellschaft

Auf den letzten freien Stuhl im Kreis lässt sich Lara fallen. Die 16-Jährige trägt ein Handtuch um den Kopf, sie kommt zu spät, nur zwei Minuten, doch der Arzt weist auf die Uhr. Im Leben dieser Kinder ist so viel durcheinandergeraten, dass auch die unerschütterlichen Abläufe ihnen Halt bieten sollen.

7.15 Uhr Frühstück, anschließend die Morgenrunde, zwischendurch Vesper, dann Hörspiele zum Abend, Honigmilch zur Nacht, und jetzt, wie vor jedem Wochenende, das Treffen am Freitagnachmittag. Rituale und Struktur, Tischdienste und Blumendienste. Darin eingebettet Therapien – und die Hoffnung, dass die Kinder sich bald selbstständig im Leben halten werden.

Das Handtuch, orangefarben, leuchtet grell. "War duschen", nuschelt Lara und rollt sich auf dem Stuhl zusammen. Neben ihr Thomas, der im Gesicht schon Flaum, aber noch die Haut eines Kindes hat. Dann Henny, die an den Füßen Pantoffeln mit lustigen Plastikkulleraugen trägt und ein paarmal sterben wollte. Lisa, mager, sie kam erst vor zwei Tagen. Karla, die sich selbst verletzt. Und Freddy mitsamt seiner Wut und Kraft.

Elf Jungen und Mädchen leben auf der Jugend 1, einer von fünf Stationen in der Leipziger Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Die Teenager teilen den Alltag mit Ärzten, Psychologen, Erziehern, Therapeuten, Krankenschwestern und Kliniklehrern; es ist ein Zuhause auf Zeit, meist für Monate, manchmal für Jahre. Alle tragen andere Namen, als hier zu lesen sind, auch manches Detail ist verfremdet. Niemand soll sie wiedererkennen, die Krankheit lässt ihnen ohnehin kaum Privatheit. Doch sie haben ihre Geschichten erzählt, weil sich darin die Nöte vieler Kinder wiederfinden.

"Die Patienten sind vollständig", sagt Henny, die zurzeit als Gruppensprecherin eingeteilt ist. "Wir können nun von unseren Zielen und Plänen für das Wochenende berichten." Klara hastet durch ihren Satz: "Ich werde die Tage bei meiner Familie verbringen und versuchen, mich nicht zu ritzen." Lisa wird versuchen, Probleme anzusprechen, Freddy will nicht ausrasten. Und Lara will daran glauben, dass sie schafft, was sie sich vornimmt.

Als Justus an der Reihe ist, nickt ihm die Psychologin zu. Der Junge hat in der Stationsküche gerade einen Kuchen gebacken, den ersten seines Lebens. Am Abend zuvor hatte er die anderen im Freizeitraum noch um sein Lieblingslied gebeten: "Ich will neue Wege wagen, Zähne in das Leben schlagen", Musik von den Sportfreunden Stiller. Nun wird es ernst.

"Ich möchte mich bei allen bedanken", sagt der 17-Jährige. "Ich nehme mit, dass Menschen mich mögen können und ich mich mit meinen Ängsten nicht zurückziehen muss. Und dass man keine Gewalt braucht, um eine Meinung zu vertreten. Meine Traurigkeit werde ich hoffentlich ambulant noch los. Ich wünsche allen, die hier bleiben,…

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Nr. 44/2017