Lesezeit 17 Min
Politik

Z wie zurück

Was passiert mit einem Kontinent, der sich verschließt? Welche neuen Gesichter zeigt er von sich? Eine Reise an die europäischen Grenzen, von Schengen in die Ägäis und zum Nordpolarkreis.

MAURICE WEISS / DER SPIEGEL
von
Alexander Smoltczyk
Lesezeit 17 Min
Politik

Selbst in Schengen wird jetzt eine Grenzanlage errichtet. Eine Grenze aus Wasserläufen und Sandflächen, Barrieren und Wällen, alles direkt an der Mosel, nicht weit vom Dreiländereck. Hauptsache, schwer zu überwinden.

"Unsere Kinder wissen ja gar nicht mehr, was eine Grenze ist. Hier können sie es dann spielerisch erfahren", sagt Roger Weber, Gemeinderat und in Schengen fürs Bauwesen zuständig. Denn um einen Kinderspielplatz geht es, um Grenze als Abenteuer. Weber war zwölf Jahre lang Schengener Bürgermeister. Er sitzt, etwas vergrippt, im Café des von ihm gegründeten "Europazentrums" und beobachtet, wie der Traum seiner Generation von einem barrierefreien Europa gerade begraben wird.

Schengen liegt, tief versteckt zwischen Mosel-Weinbergen, im dreifachen Abseits von Frankreich, Deutschland und Luxemburg. Hier wurde vereinbart, "stationäre Grenzkontrollen" abzuschaffen. Hier sind Grenzen nur noch als Flackern auf dem Handyschirm zu spüren, wenn der Provider wechselt. Man geht zu Lidl und hat die Staatsgrenze überquert. Das andere ist nur eine gröbere Körnung des Asphalts, wenn es nach Frankreich geht, ein eigentümlicher Schnitt der Straßenbäume.

Roger Weber, der alte Bürgermeister, sagt: "Schengen ist nicht tot." Aber das ist eher eine Hoffnung.

Man spürt nichts mehr davon, wenn man auf Lesbos ist oder in Budapest oder im Pendlerzug über der Öresundbrücke, wenn im Grenzbahnhof die Pässe kontrolliert werden.

"Jede Grenze führt letztlich zum Krieg. Das hat Victor Hugo geschrieben", sagt Roger Weber. Hugo war auch einmal in Schengen zu Gast. Man hat viele weise Sätze in Schengen gelassen, ein anderer stammt von Polens ehemaligem Außenminister Bronisław Geremek, der davon träumte, im Schlafwagen quer durch Europa fahren zu können, ohne geweckt zu werden. Dieser Traum zumindest ist in Erfüllung gegangen. Zumal es kaum noch Schlafwagen gibt.

Auch Schengen hat ein Flüchtlingsproblem. Er habe, sagt Weber, drei Häuser angekauft und Möbel hineintragen lassen: "Alles steht bereit. Und jetzt bekommen wir keine Flüchtlinge zugewiesen. Das staut sich irgendwo."

Im Herzen Europas, wo Grenzen als Spielplatz simuliert werden müssen, stehen die Unterkünfte leer. Es gibt ein Problem im Schengenraum.

Der 23. Februar ist der Tag des Gottes Terminus, Beschützer der Grenzpfähle und -steine. Die alten Römer legten…

Jetzt weiterlesen für 0,98 €
Nr. 10/2016