Lesezeit 15 Min
Politik

Wütender weißer Mann

Gibt es den frustrierten Bürger, der Trump zum Sieg verholfen hat, auch in Deutschland? Sicher. Man muss nur auf die Straße gehen und hinhören.

ANNA CLAUSS / DER SPIEGEL
von
Matthias Bartsch
,
Anna Clauß
,
Jan Friedmann
,
Moritz Gerlach
,
Maik Großekathöfer
,
Jochen-Martin Gutsch
,
Ludwig Krause
,
Guido Mingels
,
Juan Moreno
,
Dialika Neufeld
,
Claas Relotius
und
Jonathan Stock
Lesezeit 15 Min
Politik

Ob Donald Trump, immerhin Enkel deutscher Wirtschaftsflüchtlinge aus der Pfalz und "stolz" auf sein "deutsches Blut", auch in Deutschland zum Bundeskanzler gewählt werden würde, weiß man nicht, es gibt keine Umfragen, und wenn es sie gäbe, müsste man ihnen misstrauen. Vermutlich fände er keine Mehrheit: Noch sind die Erinnerungen an Führernaturen, die Minoritäten deportieren und Autobahnen bauen ließen, nicht verblasst. Sicher ist jedoch, dass es nach Trumps Wahl zum US-Präsidenten auch in Deutschland ziemlich viele Menschen gibt, die sich darüber freuen. Sie sind nicht schwer zu finden. Die wütende, weiße, männliche, mindergebildete, ältere Mittelschicht, auch "angry white men" genannt, die die Zeit zurückdrehen will, gibt es auch hier, und oft ist sie gar nicht so ungebildet, manchmal auch nicht alt, gelegentlich ist sie sogar weiblich. Sie sind Rentner in Meerbusch am Niederrhein oder Architekt in Hamburg, sie studieren Business Management oder tragen Adelstitel im Namen, sie fahren Taxi in Bochum oder arbeiten als Arzt in Berlin. Manche von ihnen wollen ihren Namen nicht nennen, aber sagen, dass sie die Schnauze voll haben, das wollen sie. In den USA hat die anonyme und schweigende Mehrheit erst an der Urne gesprochen, weil zuvor niemand hinhören wollte, vor allem die Medien nicht. Wenn eines klar ist nach dieser hässlichen Weltwahl, dann, dass man die wütenden weißen Männer nicht mehr schweigen lassen darf, auch in Deutschland nicht. Dass man zu ihnen hingehen, ihnen zuhören muss, auch wenn es oft ziemlich scheußlich ist, was man zu hören kriegt; auch wenn es sehr oft schlicht falsch ist, Zerrbilder der Wirklichkeit. Aber so sehen sie nun einmal die Welt. So sehen sie Deutschland. Und so setzen sie im Wahllokal ihr Kreuz. Man muss endlich verstehen lernen, wer sie sind und warum sie so geworden sind.

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Alfred Johannes Lumma, 68

"Homosexualität mit dem Tod bestrafen"

Karl-Michael Heinrich Freiherr von Solemacher-Antweiler, 64, Privatier aus München…

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Nr. 46/2016