Lesezeit 11 Min
Gesellschaft

Wohin mit Sebastian?

Manche verhaltensauffällige Schüler gehen über Monate nicht zur Schule. Eltern, Lehrer und Behörden schieben sich gegenseitig die Schuld zu.

SONJA OCH / DER SPIEGEL
von
Silke Fokken
,
Kristin Haug
und
Miriam Olbrisch
Lesezeit 11 Min
Gesellschaft

Lea war fasziniert von Anne Frank. So sehr, dass die Viertklässlerin ihr Wissen über das jüdische Mädchen unbedingt mit den Mitschülern teilen wollte. Blöd nur, dass die Klasse Referate zu einem ganz anderen Thema halten sollte: "Haustiere". Anne Frank passte da nicht. Das Buch sei ohnehin zu schwer für sie, habe die Lehrerin gesagt, erinnert sich Lea. Die Grundschülerin protestierte, gab Widerworte. Am Ende hielt sie trotzdem ihr Referat über Anne Frank, und dann noch eins über Katzen.

Lea schildert diese Begebenheit als eines von zahlreichen Beispielen dafür, wie unverstanden sie sich in der Schule fühlte. Sie ist erst 13 Jahre alt, aber wenn sie über ihre Schulkarriere spricht, klingt es, als habe sie in ihrem Leben schon manche Schlacht geschlagen. So wie in der Grundschule, wenn sie sich weigerte, "sinnlose" Aufgaben zu bearbeiten. Oder am Gymnasium, als sie sich im Sportunterricht ungerecht behandelt fühlte, nicht aufräumen wollte und die Lehrerin sie daraufhin durch die Halle geschleift habe.

Lea gehört zu den Kindern, die an deutschen Schulen als "Problemfälle" gelten. Sie sind renitent, stören, stellen Lehrer bloß. In Extremfällen werden sie gewalttätig, verletzen sich und ihre Mitschüler. Andere dagegen ziehen sich zurück, versinken in Schweigen oder in Depressionen.

Diese Kinder wechseln oft mehrmals die Schule, scheinen nirgends richtig hineinzupassen – weil Lehrer, Mitschüler und deren Eltern das Verhalten für unzumutbar halten.…

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Nr. 6/2017