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Politik

„Wofür stehen wir eigentlich?“

Die SPD steckt im Tief, als Kümmerer versuchen die Sozialdemokraten in den Ländern, Wähler zurückzugewinnen. Erkundungen an einer verunsicherten Basis.

DOMINIK ASBACH / DER SPIEGEL
von
Laura Backes
,
Matthias Bartsch
,
Anna Clauß
,
Jan Friedmann
,
Annette Großbongardt
,
Katja Thimm
und
Steffen Winter
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Politik

An das letzte Aufnahmegespräch kann sich Sven Tode noch gut erinnern. Es war ein Geschwisterpaar, 19 und 23 Jahre alt, das im April in seinem Parteibüro vor ihm saß. Sie wollten in die SPD eintreten, erklärten die Studenten, weil ihnen die Linke auf die Nerven gehe. Dort hatten sie sich bisher engagiert. Freudig schüttelte Tode, 51, SPD-Distriktvorsitzender in Hamburg-Barmbek, den jungen Genossen die Hand.

Es kommt nicht mehr so oft vor, dass Tode neue Mitglieder begrüßen kann, in einer Zeit, in der viele der Partei den Rücken kehren. Inzwischen träten sogar Mitglieder aus, die 30 und 40 Jahre lang der Sozialdemokratie angehört hätten, klagt Tode; ein Indiz dafür, wie schwach die Bindungskraft dieser alten, stolzen Partei geworden ist. "Wir müssen uns fragen, wie wir Glaubwürdigkeit zurückgewinnen." Wenn er versuche, neue Unterstützer zu gewinnen, höre er häufig auch die Frage: "Was bringt uns das, wenn wir mitmachen?"

Den Idealismus, der ihn selbst zur SPD brachte, erlebt er kaum noch. Der Historiker war 1980 als 16-Jähriger eingetreten, fasziniert von Willy Brandt, der Friedenspolitik und der Vision einer solidarischen Welt. Heute seien die Gründe viel pragmatischer. "In der wenigen Zeit, die in der verdichteten Arbeits- und Freizeitwelt übrig bleibt, engagieren sich Menschen eher punktuell", sagt Tode, der eine "zunehmende Entpolitisierung" beobachtet.

Sein Distrikt mit rund 300 Mitgliedern ist klein, doch der Befund ist symptomatisch für die schrumpfende Volkspartei SPD, eine Partei in der Krise, vielleicht der schwersten ihrer jüngeren Geschichte.

Seit 1990 hat die SPD mehr als die Hälfte ihrer Mitglieder verloren. Über 40 Prozent der Ortsvereine hätten gerade noch 20 Aktive, klagte SPD-Chef Sigmar Gabriel schon vor Jahren. Die Hälfte der Mitglieder ist heute älter als 60 Jahre.

12,7 Prozent in Baden-Württemberg, 10,6 Prozent in Sachsen-Anhalt – miserable Wahlergebnisse und anhaltend schwache Umfragewerte haben die Partei in Alarmzustand versetzt. Zwar gewann Malu Dreyer in Rheinland-Pfalz, zwar stellen Sozialdemokraten noch die meisten Ministerpräsidenten, aber bei den Wahlen im September könnten die SPD-geführten Regierungen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern kippen.

Wer durchs Land fährt und mit Sozialdemokraten spricht, spürt tiefe Verunsicherung, Sorge, auch Wut – und Zweifel an Gabriel. Überall sind Genossen auf der Suche nach der…

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Nr. 32/2016