Lesezeit 21 Min
Politik

"Wir werden kein Somalia"

Seit März hat das Bürgerkriegsland Libyen einen neuen Premierminister: Fayez Sarraj soll die politische Spaltung überwinden, den Kampf gegen den "Islamischen Staat" und Schleppernetzwerke führen. Eine Begegnung in Tripolis.

DANIEL ETTER / DER SPIEGEL
von
Klaus Brinkbäumer
und
Susanne Koelbl
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Politik

In der Hauptstadt fällt täglich bis zu zehn Stunden lang der Strom aus, in den Banken gibt es kaum Bares, die Lebensmittelpreise sind massiv gestiegen, jedes zweite Krankenhaus ist geschlossen, weil es keine Medikamente gibt oder Personal fehlt. Müll liegt herum, in jeder Straße, an jeder Ecke. Die Menschen gehen geduckt. Schüsse sind zu hören, vereinzelt nur, es ist ein ganz normaler Montagmittag in Tripolis, Libyen.

"Wir werden den Boden unter ihren Füßen verbrennen", das hatte Diktator Muammar al-Gaddafi seinen Gegnern gedroht, als seine Zeit als Diktator endete. Gaddafi ist tot, 2011 erschossen, aber die Drohung ist wahr geworden. Der riesige Wüstenstaat mit seinen nur 6,4 Millionen Einwohnern strotzte schon damals vor Waffen und Munitionslagern. Gaddafi hatte die Lager für seine Gefolgsleute geöffnet und scharfe Waffen in den Läden großer Städte verkaufen lassen. Dieses Waffenarsenal ist Gaddafis Erbe und bis heute die Grundlage des Bürgerkriegs.

Es gab, so ist es ja meist, auch in Libyen eine Stunde null, in der alles ganz anders hätte kommen können – wären die USA, Russland, Europa und natürlich libysche Bürger ernsthaft engagiert gewesen. Doch die Chance verstrich, die alten Autoritäten wurden ersetzt durch die Anarchie der Milizen – junge Männer, oft noch Kinder, die auf den Straßen das Sagen haben, die eine Knarre im Hosenbund, die andere in der Hand.

Im Stadtteil Kirkarisch, gleich hinter einer Einkaufsstraße, in der Verkäufer von Marken wie Mango und Bennetton auf Kundschaft warten, beginnt die Dunkelwelt. Da es kaum Arbeitsplätze gibt, kaum Industrie und kein Wachstum, geht es um Schmuggel. Mit Zigaretten wird gehandelt, mit Drogen, vor allem mit Menschen. Ganze Stadtteile verelenden, werden zum kriminellen Dschungel.

Wenige Länder sind für Deutschland wichtiger als Libyen. Tausende Flüchtlinge brechen täglich von hier aus auf, Richtung Europa, Zehntausende warten auf die Überfahrt. Und der "Islamische Staat" (IS) hat hier, in diesem brennenden Land, eine Heimat gefunden. Darum ist Libyen ein Zentrum dieser beiden ganz großen Themen, die Deutschland und Europa beschäftigen.

Was ist schiefgegangen? 2011 gab es einen vereinten Kampf gegen Gaddafis Truppen, siegreich, das war die Stunde null. Dann teilten sich die Rebellen in Lager auf, Islamisten und Nichtislamisten, alte Stammesfehden brachen wieder auf, und alle hatten reichlich Waffen. Gaddafis ehemalige Kämpfer schlossen sich den Nichtislamisten an, das Militär um den mächtigen General des Ostens, Khalifa Haftar, kam hinzu. Der "Islamische Staat" trat an die Seite der Islamisten, regionale Konflikte existierten ohnehin. Heute gibt es eine Spaltung in Ost und West und unzählige, wöchentlich untergehende…

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Nr. 34/2016