Lesezeit 13 Min
Politik

"Wir sind grausam"

Seit knapp zwei Wochen läuft der Angriff auf Mossul, eine Hochburg des "Islamischen Staats". Die Islamisten kämpfen zäh – und schlagen mit Terrorattacken zurück.

JACOB RUSSELL / DER SPIEGEL
von
Christoph Reuter
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Politik

Am Himmel das Dröhnen, das abebbt, wieder zunimmt, doch nie verschwindet. Es sind amerikanische Jets, die ununterbrochen über dem Kampfgebiet kreisen. Man sieht sie nicht, aber ihre Piloten sehen alles. Heißt es.

Am Boden ist es still. Zu still, finden Leutnant Ammar und die anderen aus dem siebten Bataillon der kurdischen Peschmerga-Truppen: "Seit zwei Tagen regt sich da drüben nichts, absolut nichts."

Von ihrer Anhöhe aus schauen sie hinüber ins Dorf Fasilija. Nordöstlich von Mossul, wo die Berge Irakisch-Kurdistans auslaufen in einer kargen Hügellandschaft, liegt dieses Dorf auf dem letzten Hang vor der Ebene – es ist eine der letzten Bastionen des "Islamischen Staats" (IS) in der Umgebung. Bis vor wenigen Tagen schoss der IS von dort Mörsergranaten ab, im Gegenzug beschossen die Jets und die Peschmerga den Ort. Drei IS-Selbstmordattentäter rasten mit sprengstoffbeladenen Wagen auf die gegnerischen Linien zu, aber die Autos detonierten alle frühzeitig. Doch seither: Stille. Nur irgendwo in der Ferne Einschläge. Sind die Dschihadisten noch da? Oder geflohen? Keiner weiß es genau.

Etwa 800 Meter sind es bis zu den ersten Häusern. Durch die Zieloptik einer Milan-Panzerabwehrrakete sind weiße Fahnen über Häusern zu erkennen. Aber kein Mensch auf den Wegen, keine Bewegung, als ob das Dorf ausgestorben wäre. Mehr als tausend Menschen sollen noch dort sein, "aber warum kommen die nicht heraus? Das riecht doch nach einer Falle", sagt Ammar.

Der Leutnant und etwa 50 Männer liegen an einem Wall, halten Ausschau und warten. Bis einer, der das Niemandsland rechts von ihnen im Auge behält, plötzlich ruft: "Da. Sie fliehen!" Erst sieht man nur Staubfahnen, aber dann sind sie zu erkennen: drei Hirten mit ihrer Schafherde. Wie in Zeitlupe ziehen sie durch die gewellte Mondlandschaft, winzige schwarze und weiße Punkte im…

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Nr. 44/2016