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Kultur

„Wir sind Feuilleton-Juden“

Sie sind das erfolgreichste Geschwisterpaar der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur: Eva und Robert Menasse sprechen in ihrem ersten gemeinsamen Interview über Familienmythen, politisches Schreiben und erfundene Wahrheiten.

STEFFEN JÄNICKE / DER SPIEGEL
von
Volker Weidermann
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Eine Altbauwohnung in Berlin-Wilmersdorf. Der Schriftsteller Robert Menasse, 63, ist für dieses Interview aus Wien zu seiner Schwester, der Schriftstellerin Eva Menasse, 47, gereist. Er komme gern nach Berlin, hatte er gesagt. Einzige Bedingung: ein Ort, an dem er rauchen kann. Menasse ist ein leidenschaftlicher Raucher. Seine Schwester meinte, gut, einmal im Jahr könne ihre Wohnung gern mal ordentlich eingedampft werden. Außerdem habe sie irgendein Gerät zur Luftreinigung. Die beiden Geschwister haben noch nie ein Interview zusammen gegeben. Jetzt aber hat der große Bruder im Herbst 2017 den Deutschen Buchpreis für seinen Roman "Die Hauptstadt" gewonnen und Eva Menasse kurz danach den Österreichischen Buchpreis für ihren Erzählungsband "Tiere für Fortgeschrittene". Dieser doppelte Familienpreis ist Anlass für unser Gespräch. Sie machten das "für unseren Vater", sagen beide. Ihr gemeinsamer Vater, der Jude Hans Menasse, 87, wurde im Alter von 8 Jahren mit einem Kindertransport von Wien nach England verschickt. Nach dem Krieg war er österreichischer Fußballnationalspieler. Eva Menasse hat ihn in ihrem Roman "Vienna", der in weiten Teilen auf Erlebnissen ihrer Familie beruht, porträtiert.

SPIEGEL: Frau Menasse, Sie leben in Deutschland und haben den Österreichischen Buchpreis gewonnen. Sie, Herr Menasse, leben in Wien und haben den Deutschen Buchpreis gewonnen. Hilft Ferne bei der Anerkennung?

Robert Menasse: Also wär meine Anerkennung in China am größten. Aber das ist ja nachweislich nicht der Fall.

SPIEGEL: Aber Ihre Werke, Herr Menasse, wurden in der österreichischen Presse von Anfang an besonders kritisch rezipiert, während sie in Deutschland gleich sehr wohlwollend oder begeistert besprochen wurden.

Eva Menasse: Das war bei mir genauso.

Robert Menasse: Es gibt in der österreichischen Öffentlichkeit ein grundsätzliches Ressentiment gegen lebende kritische Autoren. Das ist zwar ein Österreichklischee, aber gerade ein Klischee muss sich immer wieder in der Wirklichkeit bestätigen, sonst könnte es ja nie eines werden.

Eva Menasse: Ich glaube, dass das kein Österreichspezifikum ist. Ich habe immer das Gefühl gehabt, im Unterschied zu Deutschland kann man die Nachfolgestaaten der K.-u.-k.-Monarchie miteinander vergleichen. Also Tschechien, Ungarn, Österreich. Da hat die Politik qua Kaiserreich immer etwas Theatralisches gehabt. Dadurch ist auch die Kunst politisch. Während das in Deutschland zwei streng getrennte Genres sind.

SPIEGEL: Frau Menasse, Sie haben für Martin Schulz Wahlkampfreden gehalten. Ihr letztes Buch, der…

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Nr. 2/2018