Lesezeit 13 Min
Politik

„Wir müssen Weltpolitik lernen“

EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker, 62, über das gewachsene Selbstbewusstsein Europas und die Zumutungen der Brexit-Verhandlungen

WIKTOR DABKOWSKI / DER SPIEGEL
von
Peter Müller
und
Dirk Kurbjuweit
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Politik

SPIEGEL: Herr Juncker, blicken Sie beim Aufwachen neuerdings auch jeden Morgen angsterfüllt auf Ihr Handy?

Juncker: Nein, wie kommen Sie denn darauf?

SPIEGEL: Wir dachten, Sie wollten wissen, was Donald Trump über Nacht so Neues getwittert hat.

Juncker: Wenn Herr Trump etwas Erwähnenswertes twittert, wird mir das schon mitgeteilt. Ich sitze morgens deswegen nicht aufgeregt im Bett.

SPIEGEL: Wenn Angela Merkel Ihnen eine SMS schickt, ist das aber anders, oder?

Juncker: Sie simst mir direkt und nie ohne Grund. Und das interessiert mich. Wir haben ein solides und freundschaftliches Verhältnis.

SPIEGEL: Ist Donald Trump Europas letzte Chance?

Juncker: Das ist vielleicht etwas steil formuliert. Trump ist für uns ein Partner, der sich nicht einfach einordnen lässt. Er versteht das politische Handwerk im noblen Sinne des Wortes ein bisschen anders als wir in Europa. Die Art und Weise, wie er agiert, zwingt uns Europäer in eine neue Verantwortung. Wir stehen nicht mit dem Rücken an der Wand, aber, um es mit bundeskanzlerischen Formulierungskünsten auszudrücken: Wir können uns nicht mehr so wie früher auf die USA verlassen.

SPIEGEL: Die Bilanz nach wenigen Monaten Trump ist traurig eindeutig: Der neue Präsident räumt das Klimaabkommen ab, beschädigt das Vertrauen in die Nato und verachtet die EU. Ist die Strategie, Trump einzuhegen, gescheitert?

Juncker: Dieser Versuch hat noch gar nicht in vollem Umfang stattgefunden. Trumps Klimaentscheidung ist eine Fehlentscheidung, wir haben beim G-7-Treffen auf Sizilien vergebens versucht, ihn davon abzubringen. Angela Merkel und Emmanuel Macron waren sehr stark…

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Nr. 24/2017