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Kultur

„Wir kommen aus der Apokalypse“

Die Politik habe den Sinn für das Schöne verloren, sagt der Berliner Künstler Philipp Ruch und fordert einen aggressiven Humanismus. Aber was soll das sein?

GENE GLOVER / DER SPIEGEL
von
Maximilian Popp
und
Georg Diez
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Kultur

Ruch, 34, ist eine der schillerndsten und umstrittensten Figuren des Kulturbetriebs. Er promoviert zum Thema Rache bei Herfried Münkler in Berlin und gründete 2009 das "Zentrum für Politische Schönheit", das für Aktionskunst in der Tradition Christoph Schlingensiefs steht. Bekannt wurde das Zentrum mit Aktionen zur Rettung syrischer Flüchtlingskinder (2014), mit dem Transport der Kreuze von Mauertoten an die europäischen Außengrenzen (2014) und zuletzt mit der Beerdigung angeblich im Mittelmeer ertrunkener Flüchtlinge in Berlin. Nun erscheint sein Buch "Wenn nicht wir, wer dann? Ein politisches Manifest" (Verlag Ludwig). Ruch kommt zum Gespräch, wie immer, mit rußgeschminktem Gesicht. Es sei die Asche, sagt er, unserer Hoffnungen und Utopien.

SPIEGEL: Herr Ruch, wie erklären Sie das, was in Paris passiert ist?

Ruch: Erklären lässt sich das genauso wenig wie die Terrorherrschaft, die der sogenannte Islamische Staat in Teilen Syriens und im Irak errichtet hat.

SPIEGEL: Wie haben Sie von den Anschlägen erfahren?

Ruch: Ich saß im Gorki-Theater in Berlin. Unser Eskalationsbeauftragter sendete die Nachricht: "Terror auf allen Kanälen."

SPIEGEL: Sind die Anschläge von Paris das Gegenteil von politischer Schönheit: ein Akt der politischen Hässlichkeit?

Ruch: Politische Schönheit hat nichts mit Terroranschlägen zu tun, sondern mit der Reaktion darauf. Die Geistesgegenwärtigkeit von zunächst nur zwei Menschen vor einer Zugtoilette im Thalys-Zug hat im August einen Terroranschlag…

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Nr. 48/2015