Lesezeit 16 Min
Politik

»Wir haben unseren Gott«

Die türkische Wirtschaft kollabiert, Präsident Erdoğan streitet sich erbittert mit Donald Trump: Das Desaster am Bosporus gefährdet den Zusammenhalt der Nato. Und nur Wladimir Putin könnte profitieren.

FURKAN TEMIR / DER SPIEGEL
von
Tim Bartz
,
Maximilian Popp
und
Christian Reiermann
Lesezeit 16 Min
Politik

Berat Albayrak ist einer der mächtigsten Männer der Türkei, doch auf der Bühne im Dolmabahçe-Palast in Istanbul am Freitag vor einer Woche fühlte er sich erkennbar unwohl: Er hatte Konzernchefs und Banker einbestellt, um seinen Plan gegen den Währungsverfall zu präsentieren. Die türkische Wirtschaft taumelt in den Abgrund, er ist der Finanzminister. Er musste etwas sagen, er musste Mut machen, einen Plan vorlegen. Aber er rang hilflos um Worte und schwitzte.

Dann klickte er sich durch eine Powerpoint-Präsentation, die Teilnehmer an die Arbeit eines Studenten erinnerte: Volkswirtschaft, erstes Semester. »Es war gespenstisch«, erzählt der Vorstandschef eines türkischen Unternehmens.

Bis vor wenigen Wochen galt Albayrak, 40, vielen Menschen in der Türkei noch als ein Glückskind, wenn auch ein sehr arrogantes. Er ist der Schwiegersohn des türkischen Autokraten Recep Tayyip Erdoğan und kann sich über eine beeindruckende Karriere freuen. Albayrak leitete schon die Çalık Holding, einen türkischen Mischkonzern. 2015 wurde er Energieminister. Im Juli beförderte ihn der Schwiegerpapa dann zum Finanzminister. Regierungsanhänger sahen in Albayrak Erdoğans Kronprinzen. Nun aber ist er das Gesicht der schweren Wirtschaftskrise in der Türkei geworden.

Verantwortlich für das Desaster ist jedoch in Wahrheit Erdoğan selbst, der sich mit einem Wirtschaftsboom auf Pump die nahezu uneingeschränkte Macht gesichert hat. Nun bricht das Kartenhaus zusammen. Verschärft wird die Krise dadurch, dass sich der jähzornige Autokrat mit einem Mann ähnlichen Charakters, aber größeren Kalibers angelegt hat: Donald Trump.

Im Streit um einen inhaftierten US-Prediger in der Türkei hat der Amerikaner vor zwei Wochen zugelangt: Er hat Sanktionen gegen zwei türkische Minister verhängt und angekündigt, die Zölle auf Aluminium und Stahl aus der Türkei zu verdoppeln, was den Wert der Türkischen Lira zwischenzeitlich um ein Fünftel einbrechen ließ. Bei Redaktionsschluss lag der Dollar-Lira-Kurs bei 1:6. Unternehmen, die einen Großteil ihrer Kredite in Dollar und Euro aufgenommen haben, stehen kurz vor dem Bankrott.

Die Krise ist ein Desaster, nicht nur für die Menschen in der Türkei. Ausländische Banken, die der Türkei 265 Milliarden Dollar…

Jetzt weiterlesen für 0,96 €
Nr. 34/2018