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Politik

„Wir haben das Lachen verlernt“

Die türkische Autorin Elif Shafak sieht ihr Land als „wacklige Demokratie“, zunehmend autoritär, polarisiert und depressiv. Was sie enttäuscht: dass Europa das schweigend hinnimmt.

ANDREW TESTA / DER SPIEGEL
von
Christoph Scheuermann
und
Juliane von Mittelstaedt
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Politik

Die Schriftstellerin Shafak, 44, vereint viele Seiten der Türkei in sich: Sie ist kluge politische Beobachterin ihrer Heimat und emotionale Stimme einer gespaltenen Nation. Ihre Romane handeln vom Osmanischen Reich und von Sufi-Dichtern, zugleich ist sie eine säkulare Feministin und Tochter einer Diplomatin, geboren in Straßburg, aufgewachsen in Madrid, Studium in Ankara. Derzeit lebt sie mit ihren zwei Kindern in London. Vor einigen Tagen wurde Can Dündar, der Chefredakteur der Tageszeitung "Cumhuriyet", festgenommen, weil er über türkische Waffenlieferungen an Islamisten in Syrien berichtet hatte. Seine Verhaftung hat Shafak erschüttert.

SPIEGEL: Frau Shafak, Sie stammen aus einem Land, wo ein falsches Wort einen vor Gericht bringen kann. Trauen Sie sich zu sagen und zu schreiben, was Sie denken?

Shafak: Worte wiegen schwer in der Türkei, und jeder Schriftsteller, jeder Dichter und jeder Journalist weiß, dass ein Wort, ein Satz, ein Tweet oder auch nur ein Retweet ausreicht, um angeklagt oder in den Medien verteufelt zu werden. Oder sogar im Gefängnis zu landen. Was immer wir schreiben, wir tun es mit diesem Wissen im Hinterkopf. Wenn jemand sagt, er sei davon nicht beeinflusst, dann glaube ich ihm nicht. Niemand kann sich diesem Druck entziehen. Das Ergebnis ist, dass wir uns selbst zensieren. Wenn ich politische Kommentare schreibe, überlege ich genau, welche Auswirkung meine Worte haben werden. Wenn ich Romane schreibe, ist das anders. Da bin ich wagemutiger, da vergesse ich die Realität, bis das Buch fertig ist.

SPIEGEL: Dabei wurden Sie 2006 angeklagt, weil eine der Figuren in Ihrem Roman "Der Bastard von…

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Nr. 50/2015