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Kultur

„Wir Briten flüchten in den Humor“

Neil MacGregor, bisheriger Direktor des British Museum, wird von Januar an in Berlin das Humboldt-Forum planen.
 Aber warum hat sich ausgerechnet ein Brite in Deutschland verliebt? 

ANDREA ARTZ / DER SPIEGEL
von
Thomas Hüetlin
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Ordnung muss sein“, sagt Neil MacGregor auf Deutsch, als man sich seinem Schreibtisch im British Museum in London nähert. Bücher und Papiere stapeln sich darauf. Keine schlimme Unordnung, aber auch nicht der Schreibtisch eines Managers, der sich in der blanken Tischplatte spiegeln kann. „Es gibt absolut keinen Grund, warum Ordnung sein muss, schauen Sie sich diesen Tisch an. Ordnung muss sein, was für ein hoffnungsvolles Statement, aber es ist eben kein Naturgesetz, wie der Satz vermuten lassen könnte“, sagt MacGregor. Das ist das Erste, was an ihm auffällt, seine Leichtfüßigkeit und Selbstironie, sogar bei einem urdeutschen Satz wie „Ordnung muss sein“. Das Zweite ist sein unglaublicher Fleiß, weil er die Bücher auf seinem Tisch tatsächlich liest. Auch mit bald 70 Jahren ist etwas sehr Junges in seinem Blick. Jemand, der seine Neugier sortieren und in schlaue Zusammenhänge stellen will. Als Direktor des British Museum hat er dies mit kühnen Ausstellungen getan. „Eine Geschichte der Welt in 100 Objekten“ oder „Deutschland. Erinnerungen einer Nation“ machten das ein wenig angestaubte British Museum nach dem Louvre zum meistbesuchten Museum Europas. MacGregor ist einer der großen Geschichtenerzähler unserer Zeit. Er hat das Museum aus dem Museum geholt. Im Januar wird er in Berlin seinen Posten als Leiter der Gründungsintendanz des Humboldt-Forums antreten.

SPIEGEL: Mr MacGregor, Sie sind kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in Glasgow geboren. Deutschland war damals in Großbritannien alles andere als populär und blieb es auch lange Zeit. Warum haben Sie sich für die Deutschen interessiert?

MacGregor: Man muss hier zwischen Schottland und England unterscheiden. Schottland war stets viel enger mit dem Kontinent verbunden als England. Mein Großvater hatte in den Zwanzigerjahren geschäftlich viel mit Deutschland zu tun. Meine Eltern, beide Ärzte, hatten den Krieg mitgemacht, aber wollten, dass die nächste Generation europäisch aufwachsen sollte.

SPIEGEL: Fühlten Sie sich als Außenseiter, als Sie Deutsch in der Schule lernen mussten?

MacGregor: Wir fühlten uns überlegen wegen der langen deutschen Wörter. Donaudampfschifffahrtskapitän. So etwas schreiben zu dürfen. Da hatten die, die Altgriechisch gewählt hatten, das Nachsehen.

SPIEGEL: In einem Leitfaden für die britischen Soldaten in Deutschland 1944 heißt es über den damaligen Kriegsgegner: „Seit Jahrhunderten sind sie daran gewöhnt, sich Autoritäten zu fügen – nicht etwa, weil sie ihre Herrscher für weise und gerecht hielten, sondern weil ihr Gehorsam mit Gewalt erzwungen wurde. Diese Methode…

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Nr. 52/2015