Lesezeit 30 Min
Politik

„Wir brauchen politisches Heldentum“

Der französische Präsident Emmanuel Macron gibt Einblicke in seine ersten Monate im Amt, spricht über deutsche Bücher, die Kanzlerin und sein Projekt für Europa.

JEROME BONNET / DER SPIEGEL
von
Britta Sandberg
,
Julia Amalia Heyer
und
Klaus Brinkbäumer
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Politik

Ein Nachmittag in Paris. Es nieselt leicht, der Himmel hat eine Farbe, die dem säuberlich geharkten Kies im Innenhof des Élysée-Palasts ähnelt: Beigegrau. In einer Empfangshalle im ersten Stock tickt auf dem Kamin eine goldene Standuhr, auf dem Tisch liegt ein Bildband von Velázquez. Eine Flügeltür öffnet sich. "Monsieur le Président", ruft ein uniformierter Gardist und salutiert. Emmanuel Macron begrüßt die Besucher und führt in sein Büro mit goldenem Stuck und goldenen Sesselchen, mehr Ballsaal als Arbeitszimmer. Hinter den Fenstern wellt sich sattgrün der Palastgarten. Bei seinem letzten Treffen mit dem SPIEGEL, wenige Wochen vor dem ersten Wahlgang im April, war das Setting noch ein anderes: Das Gespräch fand in einem Zugabteil der zweiten Klasse zwischen Bordeaux und Paris statt. "Und beim nächsten Mal im Élysée!", hieß es zum Abschied ironisch. Und derjenige, der damals mit jedem Tag und mit jeder Umfrage mehr vom Überraschungskandidaten zum Favoriten wurde, klopfte sich mit der Hand auf die Stirn. "Ist kein Holz in der Nähe, soll man auf Affen klopfen", erklärte Macron damals. Als er sich an die Szene erinnert, nickt er ernst, rutscht kurz übers goldene Sofa und klopft dreimal auf die hölzerne Lehne. Seitdem der 39-Jährige zum Präsidenten gewählt wurde, hat in Frankreich ein ungewöhnliches politisches Experiment begonnen: Große Teile der politischen Klasse wurden ausgetauscht und verjüngt, Privilegien abgeschafft, die klassischen Parteien zu Nebenrollen verdammt. Macron provoziert, fordert, prescht vor, mutet seinen Wählern viel zu. Selbst der Élysée-Palast blieb von ihm nicht verschont. Macron ließ Tapisserien von den Wänden abhängen, schwere Möbel hinausräumen und moderne Bilder aufhängen. Nur logisch also, dass auch sein Hund beim SPIEGEL-Gespräch dabei sein durfte.

SPIEGEL: Herr Präsident, Sie haben seit Ihrem Amtsantritt im Mai weltweit für ziemlich viel Wirbel gesorgt. Der deutsche Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel, den Sie während Ihres Studiums gelesen haben, sah in Napoleon Bonaparte den "Weltgeist zu Pferde". Glauben Sie, ein einzelner Mensch kann tatsächlich die Geschichte lenken?

Macron: Nein. Bei Hegel sind die "Grands Hommes" immer Instrument von etwas, das weit über sie hinausgeht. Indem Hegel sie so nennt, ist er übrigens recht grausam zu Napoleon, denn er weiß natürlich, dass die Geschichte einen immer überlisten kann, dass sie immer größer ist als man selbst. Hegel glaubt zwar, dass einzelne Menschen tatsächlich für einen Moment den jeweiligen Zeitgeist verkörpern können – dass diese sich manchmal aber darüber nicht im Klaren sind.

SPIEGEL: Wie muss ein Präsident, ein Politiker sein, um Dinge voranzubringen, um Geschichte zu verändern?

Macron: Ich persönlich denke ganz und gar nicht, dass man Großes im Alleingang oder durch einzelne Aktionen bewirken kann. Im Gegenteil: Ich glaube, erst wenn man den Zeitgeist begriffen hat, weiß man, was in einem gewissen Moment zu tun ist, und nur wenn man Sinn für Verantwortung hat, gelingt es, Dinge voranzutreiben. Und genau das habe ich mir zum Ziel gesetzt: zu versuchen, Frankreich und die Franzosen darin zu bestärken, sich zu verändern und weiterzuentwickeln. Das kann aber nur im Kollektiv, also miteinander klappen. Man muss die Kräfte, die das wollen, bündeln. Dasselbe gilt für Europa.

(Der Hund des Präsidenten kommt herein.)

Macron: Nemo, sitz!

SPIEGEL: Nemo ... haben Sie diesen Namen ausgesucht?

Macron: Ja, er wurde als Welpe ausgesetzt und lebte dann ein Jahr lang im Tierheim. Ich hatte entschieden, einen Hund aus dem Tierheim zu holen. Normalerweise haben Präsidenten reinrassige Hunde, aber er hier ist eine Mischung aus Labrador und Griffon. Sehr liebenswert. Ein bemerkenswertes Schicksal, oder? Vom Tierheim in den

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Präsidentenschreibtisch: „Ehrgeiz ist nie bescheiden“

Élysée-Palast. Ich mag diese Idee, auch…

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Nr. 42/2017