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Wirtschaft

Wer soll das bezahlen?

Die Mietpreise sind längst eine soziale Frage. In deutschen Großstädten fehlen rund zwei Millionen preiswerte Wohnungen, vor allem für Menschen mit niedrigem Einkommen. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie.

JENS GYARMATY / DER SPIEGEL
von
Markus Dettmer
und
Hannah Knuth
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Wirtschaft

An den letzten gemeinsamen Urlaub mit ihrer Tochter kann sich Anita Voigt gut erinnern. Sommer 2016, Insel Amrum, sie fuhren nachts mit Fahrrädern auf einem Feldweg, hinter ihnen die Polarlichter, vor ihnen die Dunkelheit. »Es war wunderschön«, sagt Voigt, und das letzte Mal, dass sie sich wirklich frei gefühlt habe.

Seitdem sie in München wohnt, kann sie sich Urlaub nicht mehr leisten. Die 54-Jährige lebt seit vergangenem Mai mit ihrer 15-jährigen Tochter in München. 70 Quadratmeter, drei Zimmer. Ein Wohnblock an einer viel befahrenen Straße. »Es ist laut«, sagt sie. »Aber es ist okay.« Voigt heißt eigentlich anders, sie möchte aber ihren Namen nicht gedruckt lesen.

1125 Euro warm kostet ihre Wohnung im Monat. Das sind rund 60 Prozent von dem, was ihr und ihrer Tochter monatlich zur Verfügung stehen. Voigt, orangerotes Haar, hellblaue Augen, lebt von zwei Jobs. Sie arbeitet als Vertriebsassistentin bei einem Bauunternehmen in Teilzeit, nebenher auf 450-Euro-Basis bei einem gemeinnützigen Verein. Mit der Unterhaltszahlung ihres Ex-Mannes kommt sie auf gut 1900 Euro im Monat. Was davon nicht in die Miete fließt, geht an die Krankenkasse und den Supermarkt an der Ecke.

»Es ist hart«, sagt Voigt. »Ich lebe von der Hand in den Mund.« Sie hat kaum vorgesorgt, hat keine Riester-Rente, keine Lebensversicherung, keine Unfallversicherung. Sie geht nicht mehr ins Kino, schon lange nicht mehr in Restaurants. »Am meisten stört mich, dass ich meiner…

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Nr. 15/2018