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Politik

"Wer gehört zu uns?"

Politikwissenschaftler Jan-Werner Müller über den Aufstieg der Populisten in Europa, die Fehler der etablierten Parteien und die Schwäche des ungarischen Fußballs

LUKAS BECK / DER SPIEGEL
von
Melanie Amann
und
Michael Sauga
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Politik

Der Politologe Müller, 45, lehrt an der amerika­nischen Universität Princeton. Sein Essay „Was ist Populismus?“ ist bei Suhrkamp erschienen. Derzeit ist Müller Gastforscher am Wiener ­Institut für die Wissenschaften vom Menschen. 

SPIEGEL: Herr Müller, können Sie sich vorstellen, einer populistischen Partei Ihre Stimme zu geben?

Müller: Nein. Populisten sind in der Tendenz gefährlich für die Demokratie. Nicht notwendigerweise wegen ihrer Positionen: Über die richtige Flüchtlingspolitik oder die Integration Europas kann man streiten. Populisten aber erheben den Anspruch, als Einzige das wahre Volk zu vertreten. Mitwettbewerber um die Macht und alle Bürger, welche die Populisten nicht unterstützen, werden verteufelt. Das macht sie für Demokraten unwählbar.

SPIEGEL: In Deutschland ist ein wachsender Teil der Bürger anderer Meinung. In den Umfragen liegt die AfD inzwischen bei 14 Prozent. Macht Ihnen das Sorge?

Müller: Ja. Dabei war die AfD lange keine populistische, sondern eine rechtskonservative Partei. Sie wollte den Euro abschaffen und vertrat sehr traditionelle Werte. Das muss man nicht richtig finden, aber es sind nicht automatisch antidemokratische Positionen. Jetzt aber behaupten führende AfD-Politiker, die übrigen Parteien bestünden aus Volksverrätern und Deutschland sei eine Kanzlerin-Diktatur. Diese totale moralische Disqualifizierung des politischen Gegners und der Anspruch, als Einzige das wahre deutsche Volk zu vertreten, machen die AfD populistisch und bedenklich.

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Nr. 43/2016