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Kultur

„Wer den Dschihad verstehen will, muss auf Deutschland schauen“

Pankaj Mishra ist der Intellektuelle der Globalisierung. Er denkt vernetzt, verbindet historische Zusammenhänge weltweit – und erklärt, warum die Deutschen schon im 19. Jahrhundert einen heiligen Krieg geführt haben.

HORST A. FRIEDRICHS / DER SPIEGEL
von
Tobias Rapp
und
Eva Thöne
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Kultur

Mishra, 48, ist im nordindischen Jhansi aufgewachsen, heute lebt er in London, schreibt für Magazine wie den "New Yorker" und die "New York Review of Books". In seinem neuen Buch "Das Zeitalter des Zorns. Eine Geschichte der Gegenwart" versucht er, dem Hass und der Angst auf den Grund zu gehen, die unsere Welt prägen – durch einen Blick auf die Geschichte der Aufklärung*.

Das Buch

* Pankaj Mishra: "Das Zeitalter des Zorns. Eine Geschichte der Gegenwart". Aus dem Englischen von Laura Su Bischoff und Michael Bischoff. S. Fischer; 416 Seiten; 24 Euro. Erscheint am 22. Juni.

SPIEGEL: Herr Mishra, Ihr neues Buch handelt von den Verwerfungen unserer heutigen Welt. Schon im Vorwort beziehen Sie sich allerdings auf ein längst vergangenes Ereignis: 1813 ruft der deutsche Dichter Theodor Körner zum "heil'gen Krieg" gegen Napoleon. Warum dieser Dschihad?

Mishra: Ich weiß, dass sich das für Deutsche merkwürdig anhört. Aber was ich mit Dschihad meine, hat erst einmal nichts mit Religion zu tun. Ich benutze den Begriff, um eine Situation zu beschreiben, in der ein Volk aufgerufen wird, in einen heiligen Krieg um seine Existenz einzutreten. Und das geschah in Deutschland, nachdem es von Napoleon erobert und besiegt worden war.

SPIEGEL: Warum kämpften die Deutschen damals überhaupt so begeistert gegen Napoleon? Es gab keinen vereinten deutschen Staat, keine deutsche Armee, auch keine ausformulierte nationale Identität.

Mishra: Napoleon war der erste moderne Imperialist.…

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Nr. 23/2017