Lesezeit 19 Min
Gesellschaft

Weltklasse mit Herz

München ist gerührt von sich selbst. München feiert auch mit Flüchtlingen. München kann einfach alles. München hat von allem am meisten. Vielleicht hat München auch von allem zu viel.

SLAVICA / DER SPIEGEL
von
Georg Diez
,
Ullrich Fichtner
,
Wolfgang Höbel
,
Dialika Neufeld
,
Claas Relotius
und
Alexander Smoltczyk
Lesezeit 19 Min
Gesellschaft

Aus 192 Meter Höhe, vom Olympiaturm, sieht München nicht wie eine Weltstadt aus. Der dicht besiedelte Stadtkern franst schnell in grüne Umgebung und Felder aus, wie Spielzeug stehen die Hochhäuser und Kirchen da, der O2-Tower, BMW, die Frauenkirche. Über ihre knapp hundert Meter hohen Zwiebeltürme darf seit einem Bürgerentscheid kein neuer Bau mehr hinausragen, so, als gälte es in dieser Stadt noch immer, den lieben Gott nicht zu beleidigen.

An klaren Tagen tun sich weit im Süden die Alpen auf, nach Norden hin markieren die Plattenbausiedlungen des Hasenbergl-Viertels den Rand, dort draußen liegt auch die Allianz-Arena irgendwo, in der am Dienstag, englische Wochen, der Bayern-Stürmer Robert Lewandowski, gebürtiger Pole, fünf Tore für München in neun Minuten schoss. Weltklasse. Dieses Wort hören sie in München ganz besonders gern, und sie schreiben es sich an allen Ecken und zu allen Gelegenheiten selbst zu.

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Münchner Rathaus

München ist Deutschlands drittgrößte Stadt, am 8. Mai kam das Baby Amelia als 1,5-millionster Bürger zur Welt. Das Kind wurde hineingeboren in die Heimat vieler Dax-Konzerne, des Bayerischen Rundfunks, der "Süddeutschen Zeitung". Staatliche und private Theater und Konzertsäle gibt es reihenweise, berühmte Museen, Galerien, Bibliotheken, Biergärten, Universitäten, Boutiquen, menschliche Originale. Und dann, Anfang September, wurde dieses München, 519 Meter über dem Meer gelegen, Heimat auch der höchsten Nettokaltmieten Deutschlands, über Nacht zur Hauptstadt der Herzen. Zur Experimentalbühne der neuen deutschen Willkommenskultur.

Die zugehörigen Bilder hat jeder gesehen: Luftballons und Brezen am Bahnhof, "Refugees Welcome" und überall Profis am Werk. Tränen der Rührung in den Augen, über den historischen Augenblick, die eigene Gutherzigkeit, Rührung darüber, dass München, wo doch das politisch Braune einst geboren wurde, wo nach dem Krieg fast immer rot gewählt wurde, eben doch ist, was in den Werbeprospekten des Rathauses lange stand: Weltstadt mit Herz.

Aber was hat es auf sich mit München? Wie ist diese Stadt? Was hält sie zusammen? Und warum ist sie anders? Was hat München, das Berlin, das Hamburg, das andere nicht haben? Der SPIEGEL hat Urmünchner und Zugereiste befragt, engagierte, lustige Leute, neue und alte Flüchtlinge, Künstler, Wirte. Die Reporter und Fotografen sind spazieren und Bier trinken gegangen, an die Ränder gefahren, an die Hotspots. Aus den…

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Nr. 40/2015