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Geschichte

Weltenbrand

Es war eine Zeit der religiösen Wirrungen und der Fake News, der Flüchtlingsdramen und Wetterkapriolen – der Dreißigjährige Krieg, der vor 400 Jahren begann, wirkt erstaunlich aktuell. Warum ist diese deutsche Urkatastrophe weitgehend aus der Gedenkkultur verschwunden?

SVEN DOERING / DER SPIEGEL
von
Guido Kleinhubbert
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Geschichte

Da standen sie nun und fürchteten sich, weil alles Beten und Büßen nichts geholfen hatte. Etwas Unheimliches war am Winterhimmel zu sehen, strahlend hell und mit langem Schweif.

Die Rute Gottes musste das sein, ein Zeichen, durch das der Allmächtige seinen Zorn offenbarte. Mit Schlechtwetter und Missernten hatte der Herr sie in den Vorjahren schon gestraft, mit Hunger und Ruhr und Pestilenz. Nun aber drohte weit größeres Unheil; davon waren die Menschen überzeugt, die damals in den Städtchen und Sprengeln des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation lebten.

Sie sollten recht behalten.

Es war ein Komet, der am Firmament zu sehen war, einer der größten Schweifsterne aller Zeiten. Welch zynischer Zufall, dass er ausgerechnet im November 1618 auftauchte, zu Beginn des Dreißigjährigen Krieges, einer der grausamsten menschengemachten Katastrophen der Weltgeschichte.

Die Menschen hielten Kometen und andere Himmelserscheinungen damals noch für Vorboten großer Umwälzungen und langen Elends, genauso wie Sturmfluten, Hagel oder andere Starkwetterereignisse. Sogar Astronom Johannes Kepler, einer der klügsten Köpfe seiner Zeit, sah in dem Kometen, der bis in den Januar hinein mit bloßem Auge beobachtet werden konnte, eine Art Menetekel.

Als er am frühen Morgen des 29. November samt Teleskop aufs Dach seines Linzer Wohnhauses stieg und den gewaltigen Schweifstern das erste Mal erblickte, war er fasziniert. Aber er fürchtete sich auch und prophezeite, dass das Spektakel am Himmel giftige Dämpfe verbreiten und Seuchen auslösen werde.

Die Welt ging zwar nicht unter, nachdem der Komet wieder verschwunden war. Aber sie stürzte in ein Chaos, das apokalyptischer anmutete als alles, was die Menschheit zuvor erlebt hatte.

Heerscharen von Mördern, Vergewaltigern und Räubern zogen jahrzehntelang durch die Lande. Wer nichts hatte oder nicht sofort hergeben wollte, was er besaß, lief Gefahr, getötet oder zumindest gefoltert zu werden. Das Reich stand in Flammen, und weil irgendwann kein Korn mehr auf den Feldern wuchs und die Tiere alle geschlachtet waren, litten die Menschen Hunger. Einige seien in ihrer Not zu Kannibalen geworden, hieß es.

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Der Dreißigjährige Krieg

Der Dreißigjährige Krieg, der am 23. Mai 1618, sechs Monate vor Erscheinen des Kometen, mit dem Prager Fenstersturz und einem protestantischen Aufstand in Böhmen begonnen hatte, breitete sich bald aufs beinahe ganze Reich aus (siehe Grafik Seite 106 und die Zeitleiste ab Seite 108). Er kostete wohl mindestens fünf Millionen Menschen das Leben; es gab, gemessen an der Gesamtbevölkerung, mehr Opfer als im Zweiten Weltkrieg, und nur ungefähr ein Siebtel davon wurde auf dem Schlachtfeld getötet: Der Dreißigjährige Krieg tobte vor allem in den Städten und Dörfern, in Weilern und auf Bauernhöfen; er wurde in erster Linie dort geführt, wo es etwas zu essen, zu plündern, zu brandschatzen gab.

Was als Religionskrieg begann, wuchs sich über die Jahre zu einem Raubkrieg aus, den es in dieser Form nie zuvor gegeben hatte und bis heute nicht mehr gab. In einigen Landstrichen starben und flohen 70 Prozent der Einwohner, etwa 1500 Städte und 18 000 Dörfer sollen damals zerstört oder schwer beschädigt worden sein, oft riss es auch alle Betriebe, Äcker und Tiere mit ins Verderben. Der Viehbestand sank in einigen Regionen auf unter zehn Prozent der Vorkriegsmenge.

Darüber, wie einschneidend die ökonomischen und demografischen Folgen dieses Krieges waren, herrscht weitgehende Einigkeit. Manche Historiker üben sich in Superlativen und sprechen, wie der Erlanger Geschichtsprofessor Axel Gotthard, vom »schlimmsten Krieg der Weltgeschichte«. Während sich Wirtschaftskraft und Bevölkerungszahl jedoch in vielen Gebieten nach etwa 100 Jahren dem Vorkriegsniveau wieder angeglichen hatten, währten die psychologischen Effekte viel länger.

Im Dreißigjährigen Krieg, glauben die Geschichtswissenschaftler Georg Schmidt und Michael…

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Nr. 19/2018