Lesezeit 13 Min
Geschichte

„In welcher Wolke ist Mama?“

Sie wuchsen ohne Eltern auf und ohne Hoffnung: die „Wolfskinder“, junge Deutsche, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Litauen verloren gingen. Historiker erforschen an ihnen das Trauma von Flucht und Verlust.

DMITRIJ LELTSCHUK / DER SPIEGEL
von
Susanne Beyer
Lesezeit 13 Min
Geschichte

Es war April. "Der Tag war schön", sagt sie, "viel Sonne." Ihre Schuhe waren kaputt, die Strümpfe auch. "Ich dachte mir, oh, es ist Sommer, ich schmeiße alles weg." Aber abends, sagt sie, "war nur noch Wind und Frost".

Ein Junge lief mit ihr, durch den Wald und die Felder, einmal ließen sie sich mit einem Boot über die Memel fahren. Der Junge war älter als sie, zwölf, sie selbst war elf und sah aus wie sieben. Und sie weinte, weil sie ihren Bruder verloren hatte in den Tagen davor. Sie hatte sich umgedreht nach ihm, er war weg gewesen, einfach weg. Und da rannte sie nun diesem anderen Jungen hinterher, der wollte das Essen nicht teilen, versteckte sich vor ihr.

Heute, fast 70 Jahre später, versteht sie das.

Sie waren barfuß und hatten Läuse. So kamen sie an ein Haus. Die Frau dort wollte sie wegschicken, doch der Mann holte ein Fass und füllte es mit Wasser. Er machte ein Feuer. Und die Frau steckte sie dann ins Fass und wusch sie, schnitt ihr die Zöpfe ab und warf die Haare in die Flammen.

Den Jungen schickten die Leute weg. Zwei Kinder könnten sie nicht aufnehmen. Sie selbst blieb. Für Jahrzehnte.

Dieser Tag im April – das muss im Jahr 1946 gewesen sein, aber so genau weiß sie es nicht. Den Jungen, von dem sie erzählt, hat sie nie wiedergesehen. Und den Bruder? Erst 40 Jahre später. Und den eigenen Vater? Einmal noch, mehr als 30 Jahre später. Und die Mutter? "In die Wolken habe ich geguckt. In welcher Wolke ist meine Mama?"

Erika Smetonus war ein "Wolfskind". Der Begriff wurde geprägt für Kinder, die ohne menschlichen Kontakt aufgewachsen sind, ohne Sprache. Doch die historische Forschung wendet ihn in neuerer Zeit auf deutsche Kinder an, die nach dem Krieg vor 70 Jahren in Litauen verloren gingen. Diese Kinder wuchsen ohne Vater, ohne Mutter, ohne…

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Nr. 46/2015